Somniatorium

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Hell scheint das Auge in der Nacht

2007-01-22

Ich sitze in einem fensterlosen, dunklen Zimmer und warte auf etwas Unbestimmtes. Eine lange Zeitspanne vergeht, ohne daß etwas passiert; dann höre ich das Geräusch von Bohrern und Hämmern und einen Moment später bricht ein Trupp von Handwerkern durch die Mauer. Zum ersten Mal ergießt sich Sonnenlicht in den seit Ewigkeit finsteren Raum, und um der Helligkeit zu entgehen, verkrieche ich mich unter dem Tisch und bedecke mit beiden Händen meine weißen Augen.

Doch die Blendung währt nur kurz, und als mein Kopf wieder klar ist, setzen mich die Arbeiter von der Tatsache in Kenntnis, daß ich zum neuen Diener des Auges ausersehen bin. Das Auge ‫ so belehren sie mich ‫ ist der Wächter des Landes, dessen Aufgabe darin besteht, Tag und Nacht jede menschliche Aktivität zu beobachten. Dazu wurde es von seinen Erbauern mit der Fähigkeit ausgestattet, in große Entfernungen zu blicken und auch die scheinbar unbedeutendendsten Details auszumachen. „Und es schläft niemals?“ frage ich ehrfurchtsvoll. ‫ „Nur in den frühen Morgenstunden, wenn sich der Nebel über das Land senkt und die Klarheit seines Blicks trübt. Doch es schläft nicht, um auszuruhen, denn es bedarf der Ruhe nicht; es schläft, um zu vergessen, denn das Auge darf nur sehen und nicht wissen. Du aber mußt wissen und alles aufschreiben, was das Auge sieht, denn dir fällt die Pflicht des Chronisten zu. Dies ist dein Auftrag, den du um jeden Preis erfüllen mußt und von dem du nicht um Haaresbreite abweichen darfst.“

So beginne ich mein neues Leben und zeichne die Beobachtungen des Auges in einem dicken Buch auf. Früher habe ich immer nur geschlafen und mein Bett kaum je verlassen; nun bin ich ebenso ruhelos wie das Auge selbst und arbeite fast rund um die Uhr. In den Nächten hält mich sein heller Schein wach, der auch die schwärzeste Finsternis durchdringt, um alles zu beleuchten, was im unzureichenden Schutz der Dunkelheit vor sich geht. Das meiste davon schreibe ich für die Nachwelt auf; manches lasse ich aber dem Vergessen anheim fallen, denn ich ahne, daß nicht alles in die Überlieferung eingehen darf, auch wenn es das Gesetz so befiehlt.

Dann sehe ich in einer Vision meine Zukunft:

Mit den Jahren werde ich viele Bände mit den Beobachtungen des Auges füllen, aber der schwere Dienst wird meine Gesundheit angreifen und es wird der Tag kommen, an dem Schwäche und Krankheit mich daran hindern, meiner Pflicht länger nachzukommen. Damit wird meine Mission erfüllt sein und die Arbeiter werden wieder ausziehen, um einen anderen fenster- und lichtlosen Raum zu öffnen, dessen Bewohner an meiner Stelle dem Auge dienen wird. Ich aber darf mich dann auf mein Bett legen und in einen traumlosen Schlaf versinken, aus dem ich nie mehr erwachen muß.

Und so endet die Vision:

In einer fernen Zeit wird man die Standbilder der alten Heiligen zerschlagen und die Bruchstücke in den Straßen verstreuen, um an ihrer Stelle die Statuen meiner Vorgänger und Nachfolger aufzustellen. Auch mein Bild wird unter ihnen sein. Wer daran vorbeigeht, wird ehrfürchtig den Hut ziehen und sagen: „Dies sind die Diener des Auges, in deren Reihe zu stehen nur den Auserwählten vergönnt ist. Größeres, als sie geleistet haben, kann kein Mensch je leisten.“ Dieses wird der Dank der Welt sein.

Anmerkungen

Dieser Traum ist mir heute auf dem Weg in die Arbeit eingefallen. An das unmittelbare Traumerlebnis habe ich keine Erinnerung ‫ die Geschichte hat sich in mehr oder weniger abstrakter Form (d.h. als Text) so in meinem Bewußtsein manifestiert, wie ich sie hier wiedergebe. Die gestelzte Sprache ist jedenfalls authentisch.

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Dea sancta, Dea falsa

2007-01-03

Ich bin auf Urlaub in einer kleinen Landgemeinde und unternehme einen Spaziergang zur Besichtigung der örtlichen Pfarrkirche. Während ich den Kirchgarten in Augenschein nehme, kommt eine Schar von Kindern herbeigelaufen, die aufgeregt erzählen, daß der liebe Gott persönlich zu Besuch kommen will und angeblich schon auf dem Dorfplatz gesehen wurde. Skeptisch erkundige ich mich nach der Quelle dieser Information, doch in diesem Moment erscheint über unseren Köpfen ein rundum mit blinkenden Lichtern besetztes Raumschiff und landet unter beträchtlicher Geräuschentwicklung im Kirchhof: GOTT ist leibhaftig zur Erde herabgestiegen!

Eine seitlich in das Fahrzeug eingelassene Klapptür geht auf und eine sympathische, etwa fünfzigjährige Frau in brauner Nonnentracht steigt heraus. Sie trägt eine Hornbrille und grüßt jovial winkend nach allen Seiten. Bald hat sich eine große Ansammlung von Menschen gebildet, die ehrfurchtsvoll niederknien und beten. Besonders der Ortspfarrer tut sich als eifriger Zelot hervor, wobei mir sein Verhalten jedoch eher als das eines heuchlerischen Pharisäers erscheint.

Gott zieht einen Apfel aus dem Gewand und schreitet die Reihen der Gläubigen ab, um ihnen die Frucht anzubieten. Zuerst wagt niemand, das Geschenk anzunehmen, doch als die himmlische Herrscherin in meine Nähe kommt, streckt einer der Adoranten zögernd die Hand danach aus. Da ich den Apfel unbedingt für mich haben möchte, springe ich vor und greife zu, bevor mein Konkurrent seine Scheu überwinden kann. Dabei ist mir vollkommen bewußt, daß ich mir damit möglicherweise Gottes Zorn zuziehe, denn ich bin zwar sicher, daß sie tatkräftige Entschlossenheit schätzt, aber ich bezweifle, daß es einen günstigen Eindruck macht, wenn man sich dabei vordrängt. Gott scheint jedoch zufrieden mit mir zu sein, denn sie lächelt wohlwollend und überläßt mir die Paradiesfrucht mit freundlichem Kopfnicken. Da fasse ich Mut und spreche den Verdacht, der mich schon die ganze Zeit quält, laut aus: „Ich glaube nicht, daß Sie Gott sind!“ Zu meiner Enttäuschung läßt sie sich dadurch nicht zu einer klaren Stellungnahme verleiten, denn sie antwortet lediglich: „Daß du ein Skeptiker bist, wußte ich schon.“

Während die Zeremonie ihrem Höhepunkt zustrebt, verlasse ich meinen Platz und betrete die Kirche, um Beweise für meine Vermutung zu suchen. In einer Nische finde ich eine Porzellanbüste, deren Gesicht bis aufs Haar dem der vorgeblich göttlichen Besucherin gleicht. Auf dem Sockel ist in kräftigen Buchstaben eine vergoldete Inschrift eingraviert: „Sr. Margarete, OSR.“ Damit liegt der Betrug offen zutage: Schwester Margarete ist eine ganz gewöhnliche Ordensfrau, die sich als Gott ausgibt, um endlich ihren Lebenstraum zu verwirklichen und den Pfarrer heiraten zu können!

Peinlich berührt begreift jetzt auch dieser, daß er einem Schwindel aufgesessen ist. Da er einen Skandal vermeiden möchte, murmelt er hastig ein Gebet und teilt seinen Segen aus, um die Messe so schnell wie möglich zu Ende zu bringen und die Leute nach Hause zu schicken. Eine Weile später sehe ich ihn zusammen mit Schwester Margarete auf einem Rasenstück hinter der Kirche beim Picknick sitzen. Er macht ihr Vorwürfe wegen ihrer lästerlichen Anmaßung, doch das scheint ihr kein schlechtes Gewissen zu bereiten. Ohne jede Spur von Reue holt sie einen weiteren Apfel aus ihrem Gewand, beißt herzhaft hinein und sieht ihren Galan aus verliebten Augen an.

Anmerkungen

Die Idee, daß Götter UFOs zur Fortbewegung verwenden, ist ja ebensowenig neu wie die Vorstellung einer weiblichen Gottheit ‫ auch wenn man beides in einem betont katholischen Milieu wie dem der Redemptoristinnen (Ordo Sanctissimi Redemptoris) eher nicht erwarten sollte. Widmen möchte ich diesen Traum jedenfalls meiner lieben Freundin M., deren regelmäßige Berichte über ihre Glaubensaktivitäten meinen praktisch einzigen Kontakt zur Welt der Religion darstellen.

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