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2007-02-01
Ich führe eine Gruppe von Baufachleuten durch den Dachstuhl eines gotischen Doms und zeige ihnen die in das Gebäude integrierte Flutanlage, die eine einmalige Besonderheit auf dem Gebiet der Kirchenarchitektur darstellt. Die Anordnung besteht aus einer Vielzahl von gebündelten Röhren, die Wasser in ein System von Sonnenkollektoren an der Außenseite der Dachflächen leiten; dort wird es bis zum Sieden erhitzt und gelangt anschließend durch Fallrohre in den Keller. Die Besucher, bei denen es sich um die berüchtigten Techniker der Macht handelt, sehen sich mit kundigen Blicken um und stellen fest, daß die Konstruktion zum Teil aus Kunststoffrohren besteht, was bei einer im Mittelalter errichteten Anlage jeder vernünftigen Erwartung zuwider läuft. Ich erzähle etwas von notwendigen Erneuerungen aus der jüngsten Zeit und verschweige geflissentlich den reparaturbedürftigen Zustand der Installation, die bereits so undicht ist, daß die Gläubigen bei der Messe immer wieder von kochendem Wasser beregnet werden.
Über eine Wendeltreppe steigen wir hinab in den Keller, um den wichtigsten Teil und eigentlichen Zweck der Anlage zu besichtigen: das Flutbecken. Dabei handelt es sich um eine flache Wanne aus Sandstein, in der in stark stilisierten, aber nichtsdestotrotz deutlich erkennbaren Formen ein vollständiges Bauerndorf mit Häusern und Wirtschaftsgebäuden im Miniaturformat aufgebaut ist. Auf den freien Flächen sind grob aus Holz geschnitzte Figuren von Menschen und Tieren zu erkennen. Ein Hund hat sich zu weit an den Rand des Beckens hinausbewegt und muß von mir an seinen Platz zurückversetzt werden.
An der Wand befindet sich eine barocke Steuerkonsole, deren Gehäuse als Memento mori mit einem Motiv aus Stundenglas und Totenschädel verziert ist. Eine Uhr mit goldenem Zifferblatt zeigt an, daß die nächste Flutung unmittelbar bevorsteht, und tatsächlich beginnt aus einem der Fallrohre ein dünner Wasserstrahl zu rieseln. Ich erwarte, daß das Rinnsal zu einem kräftigen Strom anschwillt und das Dorf wie vorgesehen mit sich reißt, aber offenbar ist wieder irgendwo ein Leck aufgetreten, was zur Folge hat, daß der Großteil des Wassers im Gemäuer des Doms versickert.
Die Techniker der Macht äußern ihre Unzufriedenheit, doch ich bin eigentlich ganz froh über diesen Mißerfolg, denn ich habe schon lange den Verdacht, daß jedesmal, wenn das Spielzeugdorf in der künstlichen Flut untergeht, irgendwo auf der Welt ein richtiges Dorf von einer Überschwemmungskatastrophe vernichtet wird.
Dieser Traum ist eine Allegorie auf den zynischen Umgang von Politik und Wirtschaft mit dem Problem des Klimawandels, das in diesen Tagen die Medien beherrscht. Die Idee, daß ein scheinbar harmloses Spiel unbewußt eine Katastrophe auslösen kann, lehnt sich an das Hörspiel „Träume“ von Günter Eich an, das ich gestern in einer aus Anlaß seines 100. Geburtstages neu produzierten Fassung gehört habe.
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