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2006-12-26
Auf der Straße werde ich von einem fahrenden Händler angesprochen, der ‫ wie er mir in verschwörerischem Tonfall zuflüstert ‫ „Spezialflüssigkeiten für den Museumsgebrauch“ zu verkaufen hat. Die Tinkturen sind in farbig schillernde Fläschchen abgefüllt, deren Etiketten mysteriöse Bezeichnungen wie „Veiled Mirror Humidifier“ oder „Bone Enlivener“ tragen. Zwar bin ich kein Fachmann und habe nicht die geringste Vorstellung, welchem Zweck die Flüssigkeiten dienen könnten, aber da mir das bunte Sammelsurium gefällt, lasse ich mich überreden und nehme dem Mann einen Teil seiner Ware ab.
Während ich überlege, in welchem Museum ich die Chemikalien ausprobieren könnte, komme ich an einem Maklerbüro vorbei, in dessen Auslage ein gebrauchtes Museum zum Verkauf angeboten wird. Der Preis ist zwar enorm, doch übersteigt er nicht meine Mittel, und so trete ich kurzentschlossen ein und bin schon wenige Minuten später stolzer Besitzer eines neoklassizistischen Repräsentationsbaus samt naturgeschichtlicher Sammlung. Als neuer Direktor übernehme ich die Führungen und zeige den Besuchern persönlich die wichtigsten Ausstellungsstücke. Mein liebstes Exponat ist ein Suppenbrunnen, der kunstvoll aus Stein gemeißelt ist und sich in regelmäßigen Abständen jeweils mit einer anderen Suppe füllt: grüne Spargelcremesuppe, gelbe Bouillon, roter Borschtsch. Die Installation ist eine einmalige Rarität, zu der es auf der ganzen Welt kein Gegenstück gibt; lediglich der verschwenderische Umgang mit der guten Suppe, die alle 30 Sekunden über ein an der Rückwand angebrachtes System aus Rohren und Abwasserleitungen entsorgt wird, trübt meine Freude an dem Wunderwerk ein bißchen.
Während ich meinen Gästen das Funktionsprinzip der Anlage erläutere, strömt eine aromatisch duftende Bouillon mit Gemüseeinlage in den Brunnen. Deutlich kann man riesige gelbe Rüben und andere Stücke vom Suppengrün in der klaren Flüssigkeit schwimmen sehen. Die Leute schöpfen mit vollen Händen und lassen es sich schmecken, als plötzlich das Skelett eines Plesiosauriers zwischen den Selleriewürfeln auftaucht. Neugierig reckt das Tier seinen langen Hals aus der Suppe und begrüßt die Anwesenden mit grimmigem Zähnefletschen. Die Besucher weichen erschrocken zurück, doch ich erkläre ihnen, daß sie sich nicht zu fürchten brauchen, denn der Saurier ist mein Haustier und das Maskottchen des Museums. Zwar ist er im Prinzip ein gefährliches Raubtier, doch da er mich in sein Herz geschlossen hat, wird er niemandem etwas zuleide tun, der unter meinem Schutz steht. Zum Beweis streichle ich dem Ungeheuer über den kahlen Schädel, woraufhin es gurrende Laute ausstößt und mir aus seinen leeren Augenhöhlen sanfte Hundeblicke zuwirft.
Vor den Weihnachtsfeiertagen habe ich mir einen großen Topf Borschtsch gekocht und drei Tage lang daran gegessen. Die Frage, wer den „Bone Enlivener“ in die Suppe geschüttet hat, muß leider unbeantwortet bleiben: Ich war es jedenfalls nicht.
2006-12-15
Ich streife durch eine fremde Gegend in einem der weniger vornehmen Bezirke Wiens und suche ein Lokal, in dem ich meinen Hunger stillen könnte. Auf einem weiten, von baufälligen Gründerzeithäusern gesäumten Platz stoße ich auf den Gastgarten eines bayerischen Spezialitätenrestaurants, aus dessen Küchenfenster jedoch nur wenig appetitanregende Gerüche dringen. Angewidert wende ich mich ab und sehe, daß sich auf der anderen Seite des Platzes ein Theater mit angeschlossenem Gaststättenbetrieb befindet. Ein Gruppe von Sängern und Schauspielern hat das von seinen Eigentümern aufgegebene Etablissement besetzt und organisiert jetzt in Eigeninitiative Opernaufführungen und Vernissagen. Da mir diese Idee gefällt und ich das Gebäude mit seinem verwahrlosten Jugendstil-Charme sehr anziehend finde, trete ich ein und lasse mir von einer Kellnerin den Gastraum zeigen.
Die Frau richtet ihre Schürze und führt mich in ein Speisezimmer, dessen Ausstattung vom großbürgerlichen Geschmack einer vergangenen Epoche geprägt ist. Das Geschirr ist prunkvoll verziert, doch vom langen Gebrauch stark in Mitleidenschaft gezogen: Die Teller weisen Sprünge auf, die Gläser sind angeschlagen, das Silberbesteck ist geschwärzt. Eine dicke Staubschicht bedeckt Tischtuch und Servietten und das gesamte Ambiente zeugt von Niedergang und Verfall. Im Gegensatz dazu ist das Essen hervorragend und von einer Qualität, wie man sie sonst nur in den teuersten Haubenrestaurants bekommt.
Nach der Mahlzeit verlasse ich das Theater durch eine Hintertür und gelange durch einen eng gewundenen Gang über zahlreiche Treppen in ein Labyrinth aus verspiegelten Glasscheiben. In den Fliesenboden sind bewegliche Platten eingelassen, die beim Betreten verschiedene Überraschungseffekte auslösen: Zuerst schrillt mir ein Pfeifton direkt ins Ohr, dann treibt ein künstlicher Windstoß ein Dutzend Luftballons herbei, die mit rhythmischem Knattern der Reihe nach zerplatzen. Zwischendurch ertönt von einem Tonband höhnisches Gelächter.
Die Sache macht mir großen Spaß und ich nehme mir vor, das Vergnügungskabinett meinen Freunden zu zeigen. Schon am nächsten Tag treten wir in Mannschaftsstärke zur Erforschung des Labyrinths an und entdecken als besondere Attraktion eine Treppe aus Büchern. Tritt man auf eine der Stufen, so rezitiert eine Lautsprecherstimme in monotonem Tonfall eine Passage aus dem betreffenden Werk. In der richtigen Reihenfolge angeordnet ergeben die Texte eine verschlüsselte Botschaft von großer Bedeutung. Leider sind meine Freunde zu dumm, um den Sinn der Installation zu verstehen; sie zerlegen die Treppe in ihre Bestandteile und schlichten die einzelnen Bände pedantisch in ein daneben aufgebautes Bücherregal. Da die Botschaft unbedingt an die Außenwelt gebracht werden muß, bemühe ich mich, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, doch als Einzelner habe ich keine Chance gegen die vereinten Kräfte meiner der Ordnungswut verfallenen Kameraden.
Der kulinarische Teil dieses Traums geht auf ein Paar original bayrischer Weißwürste mit dem zugehörigen (viel zu süßen) Senf zurück. Das Abenteuer im Labyrinth wurde von einem gasgefüllten Ballon mit weihnachtlichem Dekor inspiriert, mit dem sich am Vortag ein Kind neben mir in der U-Bahn vergnügt hat. ‫ Das Wortspiel mit der „Büchertreppe“ fällt mir erst jetzt im Zuge der Niederschrift auf.
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