Somniatorium

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Der Untergang Wiens

2006-01-31

Im Zuge einer Zeitreise in das Jahr 1937 treffe ich in Mannheim mit einer Gruppe von fünf bis sechs jungen Männern zusammen, von denen einer wie ich aus Wien stammt. Er ist ein genialer Erfinder und hat eine Kamera konstruiert, mit welcher er Ereignisse aus der Zukunft auf Film festhalten kann. Ein benzinbetriebener Generator soll die von dem Gerät benötigte Spannung von exakt 100 Volt liefern, doch dabei stellt sich das Problem, daß der in Deutschland seltene und teure Treibstoff nur gegen den Nachweis einer sinnvollen Verwendung erhältlich ist. Um uns von der Zweckhaftigkeit seiner Erfindung zu überzeugen, überreicht der Wiener jedem der Kameraden den Zweig eines Baumes, der für die Heimat des Betreffenden typisch ist. Ich bekomme einen Trieb von einem Eibischstrauch, und während ich die samtig-glatte Rinde befühle und darunter ein rhythmisches Pulsieren zu verspüren glaube, stellen wir uns zu einem Gruppenfoto auf. Der Erfinder drückt auf den Auslöser seiner Kamera und präsentiert uns die Aufnahme: Sie zeigt, wie wir die Stämme der zu mächtigen Bäumen herangewachsenen Zweige umklammern und liefert auf diese Weise einen unwiderlegbaren Beweis für die Funktionsfähigkeit des Apparates.

Die Benzinversorgung ist damit gesichert, doch während der Übergabe der Kanister entwickelt sich eine heftige Diskussion über politische Grundsatzfragen. Außer uns Wienern sind alle Mitglieder der Gruppe überzeugte Nationalsozialisten, die bedeutende Karrieren vor sich haben und zum Teil bereits einflußreiche Parteiämter bekleiden. Über ihren Köpfen schweben rote Leuchtziffern, die die Geburtsjahre der Betreffenden angeben: 1961, 1964, 1965 – mein eigenes Geburtsjahr, welches ich mit einem dicklichen Mann in Uniform teile, der Ende zwanzig ist und aussieht wie der junge Hermann Göring.

Der Erfinder kündigt einen Film an, der jedem der Kameraden eine 15minütige Episode mit für ihn bedeutsamen Ausschnitten aus der Zukunft zeigen wird. Die Kamera läuft an, und gleich der erste Teil des Streifens bezieht sich auf mich: In extrem beschleunigtem Zeitraffer erlebe ich den Untergang meiner Heimatstadt Wien. Zu Beginn ist ein reich mit Barockelementen verziertes Schlafzimmer zu sehen, dessen Zustand mehrfach zwischen prunkvollem Glanz und äußerster Vernachlässigung wechselt – ein Museumsstück, das im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verfällt und renoviert wird. Die farbliche Gestaltung der Wände wechselt dabei ständig zwischen Rot und Gelb. Nach dem Durchlaufen von 20 bis 30 Zyklen bleiben die Erneuerungen aus und das Holz der Möbel zerfällt vor meinen Augen zu Staub.

In der zweiten Szene schwenkt die Kamera über die Stadt und zeigt, wie mit rasender Geschwindigkeit immer neue Gebäude errichtet werden, während alte verschwinden. Doch dann ereignet sich die Katastrophe: Ein Mann tritt in das Bild, legt die Hände trichterförmig an den Mund und schreit mit zur Kamera gewandtem Gesicht: »Das ist das Ende!« An der Wand eines Hauses erscheint ein Plakat, das in Frakturschrift ankündigt: »Diese Pest wird uns vernichten!« Eine darunter geschriebene Jahreszahl belegt, daß dies im Jahr 408 einer Zeitrechnung geschehen wird, von deren Beginn wir heute noch nichts wissen.

Der Film läuft weiter, doch von jetzt an zeigt er nur mehr den fortschreitenden Verfall der entvölkerten Stadt. Für etwa eine Minute ruht die Kamera auf der Fassade eines Hauses, die mehr und mehr abbröckelt und schließlich in sich zusammenfällt. Auf dem Dach befindet sich eine grün patinierte Bronzebüste des Rufers aus der vorigen Szene, deren Gesichtszüge von Wind und Wetter bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden, bis das Standbild in die Tiefe stürzt. In der Ruine eines mehrstöckigen Gebäudes sehe ich einen Schatten aufsteigen, der bald als aus dem Schutt emporwachsender Baum zu erkennen ist. Pflanzen überwuchern die Reste der Stadt, und zuletzt sind nur noch vereinzelte Haufen von Steinen in einem dichten Wald zu sehen.

Meine Episode ist zu Ende und mir wird klar, daß der Erfinder es nicht schaffen wird, den Film fertigzustellen, denn wenn die Nazis die auf sie bezogenen Szenen sehen, werden sie darin den Fall des Dritten Reiches erleben und in der Folge alles daran setzen, den weiteren Einsatz der Kamera zu verhindern. Tatsächlich fällt mir in diesem Moment ein Buch in die Hand, in dessen Klappentext geschildert wird, wie der Erfinder seine Arbeit 1937 abbrechen mußte und das Material nur mit Mühe und unter großen Gefahren ins Jahr 1972 retten konnte, um es mit langjähriger Verspätung in Form des vorliegenden Romans zu veröffentlichen.

Ich beschließe, nicht länger zu bleiben und schleiche mich davon, ohne ein weiteres Wort mit meinen Kameraden gesprochen zu haben. Nach einer mehrstündigen Bahnfahrt komme ich wieder zu Hause im Jahr 2006 an und stelle fest, daß mein Gepäck wegen des überstürzten Aufbruchs in Mannheim zurückgeblieben ist. Während ich darüber nachgrüble, wie ich das Hotel dazu bringen kann, mir die Koffer durch mehrere Jahrzehnte bis in die Gegenwart nachzusenden, erwache ich.

Anmerkungen

Die Filmszenen in diesem Traum basieren auf den visuellen Eindrücken zweier Filme, die ich vor langer Zeit gesehen habe. Der erste lief um 1990 im Fernsehen und zeigte (wenn ich mich recht erinnere) auf eine Zeitspanne von wenigen Minuten komprimiert den Bau des neuen Haas-Hauses auf dem Wiener Stephansplatz von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung. Bei dem anderen handelt es sich um George Pals »Die Zeitmaschine« mit Rod Taylor als Hauptdarsteller, der ebenso in wenigen Minuten die Zerstörung seiner Welt durch Atomwaffen erlebt.

Das Gebäude mit der grün patinierten Bronzefigur auf dem Dach ist das Haus Nr. 38 in der Linken Wienzeile. Die Haltung der Bronzebüste stimmt im Traum genau mit der Realität überein.

In einer nach dem Erwachen nicht mehr in den Traum einordenbaren Szene steige ich in einen Schienenzeppelin ein und gleich wieder aus, da mir das Fahrziel aus irgend einem Grund nicht paßt. Ich schaue dem supermodernen Fahrzeug – wir schreiben das Jahr 1937! – noch eine Weile nach und bin enttäuscht, daß es so langsam unterwegs ist und überdies noch einen wackligen Karren auf hölzernen Rädern hinter sich herzieht. (Der echte Schienenzeppelin war zwar das schnellste Eisenbahnfahrzeug seiner Zeit, konnte aber keine Anhänger ziehen, da der als Antrieb dienende Propeller dies nicht zuließ.)

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Zeichen am Himmel

2006-01-08

Ich stehe auf einer von Bäumen gesäumten Straße und beobachte eine Wolke, deren Form wegen des dichten Laubdaches nur ungenügend zu erkennen ist. Zuerst erinnert sie mich an einen Quastenflosser, aber nachdem sie ein Stück weiter gedriftet ist und zur Gänze sichtbar wird, merke ich, daß sie einen der vier apokalyptischen Reiter auf seinem Pferd darstellt. Ich nehme meine Kamera zur Hand, um die Erscheinung zu fotografieren, doch als ich auf den Auslöser drücke, ist sie schon wieder halb von den Bäumen verdeckt.

Ich laufe die Straße entlang und suche eine Position, von der aus ich die Wolke vollständig sehen kann. Aus dem Off höre ich die Stimme meines Vaters, der mir zuruft: »Beeile dich, sie löst sich auf!« Doch das stimmt nicht, das Wolkenbild hat sich lediglich gedreht und wendet mir jetzt seine Rückseite zu. Es bewegt sich immer schneller und hat bald das Ende der Straße erreicht, wo es hinter einem Kirchturm verschwindet. Dieser weist an seiner Seite eine Tunnelöffnung auf, aus der in rascher Folge steinerne Statuen auf ein sich an den Turm anschließendes Viadukt rollen: Heilige, Frauengestalten, eine Skulptur des Bildhauers Fernando Botero. Ich möchte die Figuren fotografieren, doch sie bewegen sich so schnell, daß alle Bilder verwackelt und unscharf werden.

Nach mehreren Versuchen gebe ich auf und wende meine Aufmerksamkeit einigen historischen Eisenbahnfahrzeugen zu, die zur Besichtigung auf dem Viadukt ausgestellt sind. Die Wolke hat sich mittlerweile in einen großen Hund verwandelt, der zähnefletschend zu mir herunterblickt.

Anmerkungen

Nach dem Erwachen habe ich keinerlei Vorstellung mehr davon, wie die Wolke zugleich Abbild eines Fisches und eines Reiters sein konnte, aber während des Traumes ist es mir ganz leicht gefallen, die eine Sichtweise nahtlos in die andere übergehen zu lassen.

Ich erinnere mich vage, in den letzten Tagen ein Bild einer der typischen wohlgenährten Frauenfiguren von Botero gesehen zu haben, doch weiß ich nicht mehr, wo und in welchem Zusammenhang.

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