Somniatorium

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Die böse Tat bleibt ohne Fluch

2006-10-17

Es ist Nacht und ich spaziere mit meinem Arbeitskollegen P. G. durch eine menschenleere Straße. Am Fahrbahnrand steht in einer Lücke zwischen parkenden Autos ein etwa zwei Meter hoher, nach oben hin trapezförmig zulaufender Granitblock, in dessen dem Gehsteig zugewandter Seite eine Metallplatte mit der Aufschrift „Der Schlüssel“ eingelassen ist. Daneben ragt der Griff eines Schlüssels in Form einer etwa fünfzehn Zentimeter langen Flügelmutter aus dem Stein und wartet darauf, von mir betätigt zu werden.

Obwohl ich weiß, daß es verboten ist, drehe ich den Schlüssel um 180 Grad gegen den Uhrzeigersinn, bis er sich trotz großer Kraftanstrengung nicht mehr bewegen läßt. Aus dem Inneren des Blocks ertönt ein mechanisches Klacken und ein greller Lichtfunke zuckt hinauf in den Himmel. In der Straße gehen die Laternen aus und auch in den Häusern wird es finster, sodaß nur mehr das Leuchten des Mondes die Szene erhellt. Dies ist ein Beweis dafür, daß ich ein folgenschweres Ereignis ausgelöst habe, das nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann.

Als ich den Schlüssel in seine Ausgangsposition zurückdrehe, gehen die Lichter in den Wohnungen wieder an, doch die Straßenlampen glimmen nur schwach und es dauert einige Minuten, bis sie ihre ursprüngliche Helligkeit wieder erreicht haben. Die Straße ist jetzt voll von Passanten, die P. G. und mich mit neugierigen Blicken verfolgen. Wir gehen möglichst unbefangen weiter und tun so, als ob wir mit der Sache nichts zu hätten.

An der nächsten Kreuzung begegnet uns ein Trupp Polizisten, der offenbar unterwegs ist, um Jagd auf die Verursacher des Stromausfalls zu machen. Die Beamten tragen große weiße Schirmkappen und goldene Tressen an ihren Uniformjacken, die ihnen das Aussehen von Marineoffizieren verleihen. Was sie zu besprechen haben, klingt in meinen Ohren wenig beruhigend: „Der Täter kann uns nicht entwischen. 56 bis 58 Jahre Haft sind im sicher.“

Ich weiß, daß ich keinen Fehler machen darf und jedes auffällige Verhalten vermeiden muß, wenn ich nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen will. Obwohl mir die Gegenwart der Polizei großes Unbehagen bereitet, gelingt es mir, die Nerven zu bewahren und den Reflex zum Davonlaufen zu unterdrücken. Zugleich befürchte ich, daß P. nervös werden und einen Fluchtversuch unternehmen könnte; die Vorstellung, ihn unschuldig für mein Verbrechen büßen zu sehen, ist mir unerträglich. Doch P. bleibt ebenso gefaßt wie ich. Schritt für Schritt vergrößert sich der Abstand zwischen uns und den Polizisten, bis sie um eine Ecke biegen und aus unserem Blickfeld verschwunden sind.

Froh über den glücklichen Ausgang des Abenteuers setzen wir unseren Spaziergang fort und gelangen auf ein freies Feld vor der Stadt. Langsam bricht die Abenddämmerung herein; die von atmosphärischem Flirren verzerrte Sonnenscheibe sinkt unter den Horizont und taucht die Landschaft vor uns in blutrotes Licht. Entspannung und Zufriedenheit breiten sich in unseren Gemütern aus, und in dem Bewußtsein, einen ganz besonderen Tag erlebt zu haben, wandern wir dem Sonnenuntergang entgegen.

Anmerkungen

Der Schluß dieses Traums lehnt sich an Maurice de Beveres Lucky Luke-Abenteuer an, die für gewöhnlich mit dem selben Motiv enden; es fehlt nur noch das Lied vom „Lonesome Cowboy“. (Da wir aber zu zweit sind, würde es ohnehin nicht passen.) Störend empfinde ich hingegen den Bruch in der zeitlichen Abfolge, der die Abenddämmerung auf die Nacht folgen läßt.

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Kampf der Klone

2006-10-07

In den letzten Tagen des Dritten Reiches dringe ich als Anführer eines Trupps von Pionieren in ein unterirdisches Tunnelsystem ein, wo sich eine Gruppe von abtrünnigen SS-Offizieren mit ihren Anhängern verschanzt hat, um eine geheime Gegenregierung zum NS-Regime zu bilden. Hier muß vor kurzem ein heftiger Kampf stattgefunden haben, denn in den Gängen türmen sich die Leichen und alles ist voll Blut. Gelegentlich treffen wir auf übel zugerichtete Zombies, die sich mit seelenlosem Grinsen schwankend auf uns zubewegen und nur durch Kopfschüsse gestoppt werden können.

Es fällt auf, daß unter den Toten viele Zwillinge und Drillinge sind, die sich noch im Sterben ineinander verkrallt haben und jetzt eng umschlungen am Boden liegen. Offenbar handelt es sich um Klonsoldaten, die von den Führern der Gegenregierung zur Erhöhung ihrer Truppenstärke hergestellt wurden. Aus irgendeinem Grund ist das Experiment jedoch fehlgeschlagen und die Szene, die sich vor unseren Augen entfaltet, zeigt den Schauplatz des in der Folge ausgebrochenen Krieges zwischen den echten und den im Reagenzglas erzeugten Kämpfern.

Nach längerem Marsch trenne ich mich von meinen Kameraden und gelange auf die Kommandobrücke eines Unterseeboots, wo eine Gruppe von fünf Offizieren den Angriff auf ein gegnerisches Schiff diskutiert. Der Kommandant spricht sich dagegen aus, doch das letzte Wort hat ein hitzköpfiger junger Mann, der augenscheinlich sich selbst und den anderen seine Entschlossenheit beweisen möchte. Zur Auslösung eines Torpedos drückt er auf einen großen roten Knopf und brüllt: „Jetzt zeigen wir es den Bastarden!“ Leider kann ich mich nicht an der Debatte beteiligen, denn meine Aufmerksamkeit ist zur Gänze von der Rückenlehne meines Sessels in Anspruch genommen, die aus langen, dünnen Bleistiften zusammengesetzt ist und jeden Moment aus dem Leim zu gehen droht.

Ich verlasse die Kommandobrücke und wandere weiter, bis ich das Stampfen einer sich im Gleichschritt bewegenden Armee durch die Korridore hallen höre: Die echten Soldaten sind im Anmarsch! Ich öffne die nächstbeste Tür und flüchte in einen Nebenraum, wo sich mehrere der Klonkrieger unter Tischen und Bänken versteckt halten. Der Anführer der Echten tritt ein und ruft: „Es hat doch keinen Sinn, sich zu verstecken ‫ ihr wißt ganz genau, daß eure Zeit abgelaufen ist!“ Mit gezielten Revolverschüssen streckt er die Klone der Reihe nach nieder, bis außer mir keiner mehr übrig ist. Um den Feind zu überraschen, verlasse ich mit einem Sprung meine Deckung ‫ und erkenne, daß ich selbst es bin, dem ich da mit gezogener Waffe gegenüberstehe. So starren wir einander voll Mißtrauen an und wissen, daß nur einer von uns beiden am Leben bleiben darf, doch keiner hat den Mut, den entscheidenden Schritt zu tun.

Anmerkungen

Bei diesem Traum handelt es sich um ein leider nur unvollständig erinnertes Abenteuerstück mit Anklängen an Franklin J. Schaffners Politthriller „The Boys from Brazil“. Ein Bezug zum aktuellen Tagesgeschehen ist nicht erkennbar.

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Sternschnuppen über der Stadt

2006-10-04

Ich sitze mit Freunden an einem Kaffeehaustisch und schaue durch das Fenster hinauf zum Himmel, wo finstere Wolken das Herannahen eines Sturms ankündigen. Wenig später geht ein Strom von Sternschnuppen über der Stadt nieder, deren Leuchtspuren sich tausendfach in der Atmosphäre abzeichnen und vor dem Hintergrund der zunehmenden Dunkelheit einen prächtigen Anblick bieten. Einige der Meteoriten sind so groß, daß sie nicht verglühen, sondern als kleine braune Körnchen auf dem Gehsteig vor dem Lokal aufschlagen. Sie sind leicht wie Bimsstein und weisen an der Oberfläche scharfkantige Kerben auf, die aussehen, als ob sie künstlichen Ursprungs wären. Da es sich bei den Boten aus dem All um etwas ganz Besonderes handelt, werden sie von den Passanten sorgfältig eingesammelt und als Souvenirs mit nach Hause genommen.

Später bin ich zu Besuch bei meinen Eltern und höre mir deren Sorgen um ihren Garten an. Die Sternschnuppen fallen jetzt so dicht wie Hagelkörner und liegen als zentimeterdicke Schicht auf dem Rasen, sodaß ihre Beseitigung sehr viel Mühe und Arbeit erfordern wird. Das anfängliche Interesse für das Ereignis ist einer allgemeinen Nervosität gewichen, denn das faszinierende Naturschauspiel hat sich zu einer gefährlichen Bedrohung gewandelt.

Am nächsten Morgen setzt der Meteoritenschauer mit voller Intensität wieder ein und die Steine sind jetzt so zahlreich, daß sie die Sonne verfinstern und binnen weniger Minuten große Teile der Stadt unter sich begraben. Ich blicke aus dem Fenster meines im 5. Stock gelegenen Büros auf die im Sternenstaub versinkenden Straßen und mache mir Gedanken über die Entsorgung der Meteoriten. Da das Material leichter als Wasser ist, bedeckt es mittlerweile auch die Ozeane und es besteht wohl keine Hoffnung, daß es mit der Zeit zum Meeresboden absinken wird.

Als der Steinhagel nachläßt und am Horizont ein heller Streifen sichtbar wird, entspannt sich die Situation fürs erste, doch im Radio werden für den Nachmittag schon die nächsten Schauer angekündigt. Der Bürgermeister befürchtet, daß sich der Meteoritenschwarm über einen Raumbereich von mehr als einer Milliarde Kilometern erstrecken könnte und damit die Erde dem kosmischen Bombardement noch sehr lange ausgesetzt sein wird. Wenn dieser Fall tatsächlich eintreten sollte, bedeutet dies eine Katastrophe von weltumspannenden Ausmaß, die der Menschheit wohl den Untergang bringen wird.

Anmerkungen

Der Sternschnuppenstrom ‫ es handelt sich um die Leoniden, deren Eintreffen für den Monat November zu erwarten ist ‫ steht stellvertretend für B., die im Sternzeichen des Löwen geboren wurde.

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