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2006-11-14
Ich befinde mich in Speyer und soll im Auftrag einer Geheimorganisation einen im späten 20. Jahrhundert nachträglich an den Kaiserdom angebauten Turm zum Einsturz bringen. Als ich den Domplatz betrete, wird mir sofort klar, daß die Erfüllung dieser Mission ein Ding der Unmöglichkeit ist, denn der Dom ist eine Sehenswürdigkeit von erstem Rang und zieht so viele Besucher an, daß man nicht in seine Nähe gelangen kann, ohne dabei von tausenden Neugierigen beobachtet zu werden. Selbst auf der Fassade des Gebäudes tummeln sich kletternde Touristen, die kein Risiko scheuen, um die berühmten Wasserspeier und andere Dämonenfiguren aus nächster Nähe betrachten zu können.
Die Hauptattraktion des Doms sind aber nicht die Werke der Steinmetzkunst, sondern das sogenannte »Baudolinum« – ein tonnenförmiges Nebengebäude mit Kuppeldach, das ein einzigartiges mechanisches Wunderwerk beherbergt. An der Außenseite ist eine sich spiralförmig nach oben windende Autobahn im Miniaturformat angebracht, auf der dichter Verkehr herrscht. Dutzende Fahrzeuge im Maßstab 1:12 fahren auf und ab und stoßen wie in einem Autodrom aneinander. Jedes der Modellautos trägt auf dem Dach eine Glocke, deren pausenloses Läuten sich mit dem ohnehin schon unerträglich lauten Verkehrslärm zu einer ohrenzerreißenden Kakophonie vermischt.
Ich blicke in das Innere des Baudolinums und sehe, daß die Autos hier noch dichter aufeinander fahren als draußen; Zusammenstöße sind häufig und an den Straßenrändern liegen überall Fahrzeugtrümmer. Doch dies ist keine Fehlfunktion, sondern die eigentliche Grundidee der Installation, deren didaktisches Konzept darauf abzielt, die Gefahren des Straßenverkehrs möglichst eindringlich darzustellen. Zu diesem Zweck befinden sich auch Rennwagen aus der Formel 1 unter den Autos, die aber nicht von prominenten Fahrern gelenkt werden, sondern von solchen aus der zweiten Reihe. So ist etwa Deutschland nicht durch Michael Schumacher vertreten, sondern durch den weniger bekannten Nick Heidfeld; am Steuer des italienischen Wagens sitzt ein überhaupt namenloser Pilot. Dadurch soll vermieden werden, daß sich die Zuseher in positiver Weise mit den unwürdigen Helden des Motorsports identifizieren: Der Blick auf die Tatsache, daß der moderne Individualverkehr nichts anderes als eine uneingestandene Form der Massenvernichtung ist, darf durch nichts verstellt werden.
Dieser Traum erinnert an den sich demnächst jährenden Todestag meines Bruders, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Die Steinfiguren an der Domfassade, die am Anfang als schmückendes Beiwerk auftreten, sind von der Hülle der Agathodaimon-CD »Chapter III« inspiriert (welche aber ihrerseits die Gargouilles von Notre Dame zeigt).
2006-11-11
Im Zuge einer Auslandsreise steige ich in einem Hotel ab, das anstelle von Zimmern nur Toiletten zu vermieten hat. Erschöpft rolle ich mich neben der WC-Muschel zusammen und suche Entspannung, aber wegen der unbequemen Beengtheit stellt sich der ersehnte Schlaf nicht ein. So quäle ich mich durch die Nacht und finde keine Ruhe, und als mich zuletzt auch noch ein nagendes Hungergefühl überkommt, stehle ich mich heimlich in die Küche und suche systematisch jeden Winkel nach Nahrungsmitteln ab. Das einzige, was ich finde, ist ein Apfel, den ich ungeschält nicht essen will; hektisch durchwühle ich Schränke und Laden nach einem geeigneten Werkzeug, kann aber nichts Passendes auftreiben. Dabei muß ich achtgeben, bei meinem nächtlichen Ausflug nicht ertappt zu werden, denn das Betreten der Küche durch Unbefugte ist auf das Strengste verboten.
Schließlich gebe ich es auf und kehre zurück in mein Toilettenzimmer, wo ich den Apfel in meinem Reisesack verstecke. Dabei fällt mir auf, daß der vorher nahezu leere Sack jetzt prall gefüllt ist; ich drehe ihn um und schüttle ihn aus, sodaß sich der Inhalt über den Boden ergießt. Tausende von Asseln, Schaben und Hundertfüßlern kriechen umher und in wenigen Sekunden ist jeder freie Fleck in dem engen Gelaß von sich ekelhaft windenden, haarigen Tierkörpern bedeckt, die mir – obwohl sie an und für sich harmlos sind – ein Gefühl des Grausens verursachen.
Ich erkenne bald, daß ich mich der Plage nur entledigen kann, wenn es mir gelingt, die Königin des Schwarms zu töten. Sie ist unter den übrigen Gliedertieren leicht zu erkennen, denn ihr Rumpf ist länger und dicker als mein Unterarm und fällt vor allem durch seine große Zahl von Beinen auf. Ich versuche sie zu fangen und die Toilette hinunterzuspülen, doch sie kann flüchten und verkriecht sich in einer Mauerritze hinter der WC-Muschel. Von dort streckt sie ihre Fühler heraus und winkt ihren Untertanen Nachrichten zu, deren Sinn mir unverständlich bleibt.
Meine einzige Assoziation zu diesem Traum ist ein Ausspruch, den der von Carlo Böhm verkörperte Obdachlose Erwin Drballa in einer Folge der Fernsehserie »Kottan ermittelt« getätigt hat: »Waun i amoi a Göd hed – i ded a Münzklo aufmochn, weu gschissn wird immer.« – Die Geschichte hat übrigens einen wahren Kern, denn vor einigen Jahren habe ich tatsächlich in einer schlaflosen Nacht die Küche einer Hotelpension geplündert. Das lange, dicke Gliedertier hingegen hat keinen erkennbaren Bezug zur Realität.
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