Somniatorium

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Sturm auf das Parlament

2006-02-20

Heute ist der Tag des Buches. Schulen und Universitäten haben geschlossen, um ihren Angehörigen Gelegenheit zum Feiern zu geben. Überall in der Stadt sind Verkaufsstände aufgestellt, die Flohmarktwaren aller Art anbieten. Mit der Ausnahme von Büchern gibt es kaum etwas, was man nicht käuflich erwerben könnte.

Für mich fällt das Fest leider mit dem ersten Arbeitstag nach einem längeren Urlaub zusammen. Auf dem Weg in mein Büro erreiche ich den Platz vor dem Parlamentsgebäude, wo sich zahlreiche Menschen zu einer Demonstration versammelt haben. An den Fenstern stehen Abgeordnete und sehen nervös auf die Menge hinunter, denn eine revolutionäre Stimmung beginnt um sich zu greifen. Einer der Demonstranten versucht, die Fassade emporzuklettern. Er trägt Steigeisen an den Schuhen und bewegt sich leichtfüßig wie ein Gecko, sodaß er in wenigen Sekunden auf dem Dach angelangt ist. Spontan tun es ihm andere nach und bald ist die Frontseite des Parlaments von Kletterern bedeckt, von denen mir besonders einer durch seine Körpergröße auffällt. Die Grün-Abgeordnete Madeleine Petrovic schließt eilig ihr Fenster und der freiheitliche Bundesrat John Gudenus versucht, den Riesen aufzuhalten, doch der Mann ist ihm körperlich überlegen und drängt ihn mühelos zur Seite.

Einer der Demonstranten stürzt aus großer Höhe ab und bleibt zerschmettert auf dem Pflaster liegen, aber zehn bis fünfzehn seiner Mitkämpfer schaffen es, in das Gebäude zu gelangen. Begeisterung ergreift mich und ich denke: „Heute befreit sich das Volk von seinen Unterdrückern und nimmt sich, was ihm gehört!“ Doch ich habe mich zu früh gefreut, denn als ich das Parlament durch den Haupteingang betrete, sehe ich, wie die ersten Eindringliche in hohem Bogen wieder hinaus auf die Straße fliegen. Auf der Treppe steht der Hausmeister und versetzt ihnen so kräftige Tritte, daß sie in die Luft geschleudert werden und mit dumpfen Krachen auf dem Boden aufschlagen.

Ich stelle mich dem Hausmeister in den Weg und sehe, daß er sein Haar gescheitelt trägt und einen Oberlippenbart hat, der nur wenig breiter als der von Adolf Hitler ist. „Eleganter Bart!“ rufe ich ihm zu und das scheint ihm zu schmeicheln, denn er bedankt sich mit einem fröhlichen Grinsen. Erst als ich ihm rate, den Bart links und rechts noch ein bißchen zurechtzustutzen, begreift er die Anspielung und wird böse. Mit festem Griff packt er mich am Arm und brüllt: „Mitkommen!“ Dann führt er mich an einer von Einschußlöchern übersäten Tür aus Panzerglas vorbei durch den Hinterausgang zu einem Gartenpavillon. Ich weiß, daß er nichts Gutes im Schilde führt, aber das macht mir keine keine Angst, denn die Gerechtigkeit ist auf meiner Seite.

Anmerkungen

Dieser Traum ereignet sich in einer Nacht, die tatsächlich meinem ersten Arbeitstag nach einem zehntägigen Urlaub vorangeht. Sonstige aktuelle Hintergründe: Die Donnerstags-Demonstrationen gegen die österreichische Bundesregierung leben wieder auf und John Gudenus sieht seinem demnächst stattfindenden Prozeß wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung entgegen. Adolf Hitler (bzw. sein Doppelgänger, auch wenn er das nicht gerne hört) hat sich mittlerweile eine fixe Stellung im Parlament erobert ‫ vorläufig zwar nur als Faktotum, aber ein Anfang ist damit gemacht.

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Japanisches Wasserspiel

2006-02-13

Ich bin als Gast zum Abendessen bei einer japanischen Familie eingeladen. Schon die Anfahrt mit der Straßenbahn gestaltet sich schwierig: Zuerst steige ich in einen falschen Wagen ein, dann ist der Weg wegen eines Verkehrsunfalls blockiert. Zum Glück holt mich die Gastgeberin von der Unfallstelle ab und überreicht mir als Willkommensgeschenk zwei rohe Hühnereier, denn bei den Japanern ist es Sitte, daß der Besucher die Vorspeise schon vor der Haustür ausgehändigt bekommt, um sie dann selbst fertig zuzubereiten.

Als ich in die Küche geführt werde und die Eier zum Kochen in einen Topf legen möchte, bemerke ich, daß die Schalen gesprungen sind und Eiklar austritt. Da dies kein gutes Omen ist, lasse ich mir nichts anmerken und trete an das bis zum Rand mit Wasser gefüllte Waschbecken, um mir die Hände zu waschen. Beim Versuch, eine mit der Öffnung nach unten in dem Becken liegende Schüssel herauszuheben, stelle ich fest, daß diese durch ein Vakuum am Boden festgesaugt ist. Mit entschlossenem Griff löse ich das Geschirr ab ‫ was zur Folge hat, daß der zum Abkühlen darin aufbewahrte Reis herausfällt und sich mit dem Wasser zu einem kalten Brei vermischt. Mit einem Aufschrei fällt mir die Frau des Hauses in den Arm, doch zu spät: Der Reis ist unwiederbringlich verdorben.

Um weiteren Schäden zuvorzukommen, füllt meine Gastgeberin den Kochtopf selbst mit Wasser und überreicht ihn mir mit einem Lächeln, das mühsam beherrschten Zorn verrät. Die Eier sind mittlerweile schon ziemlich zerdrückt und als ich einen erneuten Anlauf unternehme, sie in den Topf zu legen, fällt mir eines aus der Hand und landet in einem unter dem Küchenfenster aufgestellten offenstehenden Biedermeiersekretär. Eidotter breitet sich über Papiere und Schreibutensilien aus und ich gerate in Panik, doch ein Blick zur Seite zeigt mir, daß meine Gastgeberin gerade anderweitig beschäftigt ist. Verstohlen taste ich im Schreibtisch umher, um die Reste des aufgeplatzten Eis zu finden. Zu meiner Bestürzung löse ich dabei einen verborgenen Mechanismus aus, der eine an der Rückwand des Möbels angebrachte Wasserzufuhr öffnet. Zwar habe ich die Geistesgegenwart, meine Hände zu einer Schale zu formen und das langsam fließende Wasser darin aufzufangen, aber dieses erneute Mißgeschick bleibt nicht unbemerkt.

Unter heftigem Gestikulieren gibt mir die Frau des Hauses zu verstehen, daß der Zufluß durch Zudrehen des Wasserhahns beim Abwaschbecken gestoppt werden kann. Ich habe jetzt die Wahl: Soll ich schnell reagieren und riskieren, das in meinen Händen gesammelte Wasser zu verschütten oder ist es besser, langsam vorzugehen und dabei in Kauf zu nehmen, daß in der Zeit, die ich für den Weg zum Waschbecken brauche, mehr Wasser in den Schreibtisch rinnt? Während ich meine Entscheidung hinauszögere, beginnt das Wasser immer stärker zu fließen, bis ich es nicht mehr aufhalten kann und der Sekretär hoffnungslos überschwemmt ist. Die bitterbösen Blicke meiner Gastgeberin lassen keinen Zweifel daran, daß nur die japanische Höflichkeit sie davon abhält, mich auf der Stelle aus dem Haus zu werfen.

Anmerkungen

In der Phase des Erwachens fällt mir für den Typus dieses Traums die Bezeichnung „Katastrophentraum“ ein, weil alles, was ich darin angreife, zum Desaster wird. Ich nehme mir auch vor, in diesem Kommentar ausführlich über das Thema zu schreiben und zu berichten, daß Katastrophenträume in meinem Traumleben häufig vorkommen. Im vollen Wachzustand muß ich aber festhalten, daß ich mich nicht an ein einziges vorhergegangenes Beispiel erinnern kann.

Der Trauminhalt ist durch die WDR-Radioserie „Konnichi wa, Japan“ inspiriert, in der der Moderator Roger Willemsen eine sehr persönliche und witzige Anekdote über ein Erlebnis in einem Tokioter Nachtclub erzählte. Zum Thema „Biedermeier“ fallen mir das Streichquartett D 810 mit dem Titel „Der Tod und das Mädchen“ sowie die Klaviersonaten D 575, D 784 und D 157 von Franz Schubert ein, die ich gestern abend gehört habe. Beim Blättern in einer Schubert-Biographie von Bernhard Paumgartner ist mir dann noch ein Satz aufgefallen, den Schubert im Frühjahr 1824 in sein Tagebuch schrieb: „Beneidenswerter Nero! Der du so stark warst, bei Saitenspiel und Gesang ekles Volk zu verderben!“

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