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2006-07-11
In befinde mich in einer fernen Zukunft, in der Küchenschaben die Herrschaft über die Erde angetreten und die Reste der Menschheit in abgelegene Rückzugsgebiete verdrängt haben. Auf allen Vieren krieche ich durch die unterirdischen Bauten der Insekten und begegne einer Prozession von 90 Millionen Schaben, die sich wie ein reißender Strom durch die Gänge wälzt. Geistesgegenwärtig weiche ich zur Seite und verstecke mich in einer Mauernische. Hinter einer Wand aus transparentem Gewebe sitzt die Königin der Schaben und wendet mir ihre Stielaugen zu, die unabhängig voneinander bewegt werden können und die Größe von Autoscheinwerfern haben. Vorsichtig achte ich darauf, die Membran zwischen uns nicht zu zerreißen, denn das Tier hat eine giftige Ausdünstung und das Einatmen dieser Dämpfe kann lebensbedrohend sein.
All dies sehe ich nicht mit den Augen, sondern auf grobkörnigen Schwarzweißbildern direkt in meinem Gehirn.
Auf telepathischem Weg teilt mir die Königin mit, daß sie sich mit der Beherrschung der Erde nicht länger zufrieden gibt und ihre Macht auf den Weltraum ausdehnen wird. Sie sendet eine elektromagnetische Welle aus und kündigt an: »So weit sich dieses Signal in einer Sekunde ausbreitet, so weit wird sich mein Reich schon morgen erstrecken!« Dies ist eine Distanz von astronomischem Ausmaß, denn die Welle ist milliardenfach schneller als das Licht und erfüllt nahezu instantan einen Raumbereich, der drei ganze Sonnensysteme in sich einschließt.
Von einem Punkt am Rand des Weltalls aus betrachte ich das neue Schabenreich, das aus einem unregelmäßigen Polyeder aus verspiegeltem Glas besteht. Dieser dreht sich mit einer Periode von etwa fünf Sekunden um seine Achse und wird aus unbestimmter Ferne von bläulichweißem Licht bestrahlt. Etliche seiner Flächen sind geöffnet und geben den Blick auf die drei Sterne und ihre Planeten frei, die im Inneren des Gebildes ihre Bahnen ziehen. Im Gegensatz zu vorher ist das Bild in meinem Kopf jetzt unnatürlich scharf und wirkt wie eine auf dem Computer erstellte Grafikanimation.
In diesem Moment erkenne ich, daß ich mich nicht in der Realität befinde, sondern in einem visuell aufbereiteten Science Fiction-Hörspiel. Während das blaue Leuchten langsam erlischt und das gläserne Schabenreich ins Dunkel eintaucht, treibt aus der Tiefe des Alls ein Buch auf mich zu. Es handelt sich um den Hörspieltext, der in violettes Leinen gebunden ist und auf dem Buchdeckel das Firmensignet des Haffmans-Verlags trägt.
Vordergründig tritt dieser Traum als Abenteuer aus der früher bei Suhrkamp erschienenen »Phantastischen Bibliothek« mit ihren charakteristischen violetten Einbänden auf, doch das tatsächliche Thema – angeregt durch ein aktuelles Ereignis in meinem Bekanntenkreis und symbolisiert durch das ausbreitungswillige Schabenvolk – ist die Fortpflanzung. Noch in der Phase des Erwachens kann ich die Verwechslung der Verlagsnamen »Haffmans« und »Suhrkamp« aufklären: Sie ergibt sich durch eine Assoziationskette mit dem Zwischenglied »Hoffmann und Campe«.
2006-07-03
Ich befinde mich in einem leeren Raum mit weiß getünchten Wänden und blicke durch ein großflächiges Panoramafenster hinaus ins Freie. Das Fenster ist nicht verglast, sondern mit Maschendraht abgesichert; draußen sitzen zwei Geier und zerren mit ihren Schnäbeln an dem Gitter, denn sie haben Hunger und wollen gefüttert werden. Gestikulierend gebe ich ihnen zu verstehen, daß ich nicht zu fressen für sie habe, doch erst als ich ihnen die Worte »Kein Futter!« zurufe, verstehen sie mich. Da erkenne ich, daß die Tiere überaus intelligent sind und die Fähigkeit zum Erlernen der menschliche Sprache besitzen.
Ich sage ihnen Wörter und einfache Sätze vor, die sie nachsprechen und mühelos zu begreifen scheinen. Schon nach wenigen Minuten können wir uns in gebrochenem Deutsch unterhalten und ich fühle mich bemüßigt, den Tieren meine Meinung über ihre wohlbeleibte Wärterin kundzutun: »Uli dick!« Das scheint ihnen auch schon aufgefallen zu sein, denn sie nicken einträchtig mit den Köpfen und geben krächzende Laute der Zustimmung von sich.
Kurze Zeit später unternehme ich mit meinen neuen Freunden einen Spaziergang durch eine üppige Wiesenlandschaft. Mitten im hohen Gras begegnen wir der Tierpflegerin, die von ihren Schützlingen fröhlich begrüßt wird: »Uli dick!« Uli sieht mich vorwurfsvoll an, denn es ist klar, daß die Tiere diesen Spruch nur von mir gelernt haben können. Die Sache ist mir peinlich, doch ich stehe zu meiner Meinung und erkläre freundlich, daß diese keineswegs abwertend zu verstehen ist. Es sollte aber immer möglich sein, Tatsachen auszusprechen, und die Wahrheit ist nun einmal, daß Uli fast ebenso breit wie hoch ist. Das sieht sie auch ein und ist nicht gekränkt, und so können wir unsere Wanderung in ungetrübter Stimmung fortsetzen.
Dieser Traum ist eine Kurzfassung des Theaterstücks »Kaspar« von Peter Handke, von dem ich am Vortag ein ausführliches Interview im Zusammenhang mit der Affäre um die Verleihung des Büchner-Preises gelesen habe. Die Rolle der Einsager übernehme ich, an die Stelle Kaspars, der durch Zureden zum Reden gebracht wird, treten die beiden Geier. Über die Tierpflegerin Uli ist nur zu sagen, daß sie abgesehen von ihrer Körperfülle über keine weiteren Eigenschaften verfügt, die einer Beschreibung zugänglich wären.
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