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2005-06-30
Ich liege auf einem fahrbaren Operationstisch, um mich einer kosmetischen Behandlung zu unterziehen, deren Zweck die vollständige Erneuerung meiner Haut ist. Zur Ablösung der alten Hautschichten reibt mich der Kosmetiker solange mit einem in flüssigem Lachgas getränkten Schwamm ein, bis Epidermis und Lederhaut gefrieren und als schaumstoffartige blaue Substanz in langen Bahnen abgezogen werden können. Darunter kommt die neue Haut zum Vorschein, die ganz schwarz ist und sich wie Gummi anfühlt.
Zuerst geht die Arbeit sehr rasch von der Hand und die Haut von Brust und Bauch läßt sich in wenigen großen Stücken ablösen, doch als sich der Kosmetiker meinen Beinen zuwendet, gibt es Probleme. Die Haut sitzt hier viel fester und muß stärker vereist werden, weshalb er mir ankündigt: „Ich werde dich mit viel mehr Gas behandeln.“ Tatsächlich geht er so verschwenderisch mit der eisig kalten Flüssigkeit um, daß ich von den Dämpfen halb betäubt bin und ständig grundlos vor mich hin kichere. Mit vernebeltem Blick nehme ich wahr, daß der Kosmetiker zur Beschleunigung der Prozedur ein Teppichmesser einsetzt und auf meinen Füßen damit herumhackt, was mich einigermaßen nervös macht; doch nach einer Weile schafft er es, sein Werk zu Ende zu bringen, ohne mir dabei eine gröbere Verletzung zuzufügen.
Der zweite Teil der Behandlung ist als künstlerische Performance zu verstehen. Dazu drehe ich mich auf den Bauch und der Kosmetiker trennt die Haut auf meinem Rücken mit einem Schnitt entlang der Wirbelsäule in zwei Teile. Mit Drähten und Holzstücken spannt er die abgelösten Hautlappen zu einer zeltähnlichen Konstruktion, die das Modell eines futuristischen Sportstadions sein könnte. Als er mit der linken Hälfte fertig ist, bemerke ich, daß ich bedingt durch die Verschnürung meinen Arm nicht mehr bewegen kann. Da ich fürchte, die Kontrolle über das Spiel zu verlieren und es daher beenden möchte, richte ich mich so gut es geht auf und blicke über meine Schulter. Ich sehe, daß dicke Bündel von Drähten von meinem Rücken ausgehen und zu einem Schaltkasten führen, wo sie sich in einem undurchschaubaren Gewirr aus Spulen und anderen elektrischen Bauelementen verlieren. Ich greife mit der freien rechten Hand um mich und bekomme eine Papierschere zu fassen, mit der ich die Drähte im Schaltkasten zu zerschneiden versuche. Das Werkzeug ist für diese Aufgabe aber nicht geeignet und schon das Durchtrennen eines einzigen Flachkabels kostet mich viel Zeit und Mühe.
Der Künstler ist mittlerweile von drei Assistenten umgeben, die mir in aller Ruhe bei meinen Befreiungsversuchen zusehen und keinerlei Anstalten machen, mich daran zu hindern. Einer von ihnen erläutert mir den weiteren Verlauf der Veranstaltung: Exakt um Mitternacht soll in dem Kasten der Strom eingeschaltet werden und die Performance ihren krönenden Abschluß in meiner Tötung durch Elektrokution finden. Ich bin entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen und beeile mich, mit dem Zerschneiden der Kabel fortzufahren, doch sie sind von einer so widerstandsfähigen Isolierung umgeben, daß ich mit der Schere darin stecken bleibe. ‫ In diesem Augenblick weckt mich der Donnerschlag eines Gewitters, das während der nächsten Minuten über der Stadt niedergeht. Es ist 3 Uhr 30 und die von draußen ins Schlafzimmer dringende Luftfeuchtigkeit ist unerträglich hoch.
Dieser Traum erinnert in seiner technisch-objektiven Beschreibung einer Hinrichtung an die Erzählungen „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka und „Ein Monat in Dachau“ von Vladimir Sorokin, die wegen ihrer schonungslosen Herangehensweise an das gleiche Thema starken Eindruck auf mich gemacht haben. Abartiger Chic, der ideal dazu geeignet ist, sensiblen Menschen ein Schockerlebnis zu verschaffen.
2005-06-28
Ich sitze am PC und kämpfe mit einem Computervirus, der seine Anwesenheit dadurch verrät, daß das Bild auf meinem Schirm von einem komplizierten Muster aus neonfarbigen Pixelstrukturen überlagert wird. Das Programm hat sich im Cache des Internet Explorer festgesetzt und kann nur beseitigt werden, indem das zugehörige Verzeichnis mit dem Posix-Befehl „rm“ komplett gelöscht wird.
Während ich im Begriff bin, diesen Plan in die Tat umzusetzen, läutet das Telefon und Ing. G. bittet mich, so schnell wie möglich in die Firma O. zu kommen, da sich der Virus auch dort ausgebreitet hat. Ich lasse alles liegen und stehen und mache mich in der Gewißheit auf den Weg, das Problem innerhalb weniger Minuten lösen zu können. Doch vor Ort stellt sich Situation ganz anders dar, als ich mir es erwartet habe. Es beginnt damit, daß man mir zur Bedienung der Rechner ein ergonomisch höchst fragwürdiges Instrument anbietet, das aus acht bis zehn Tasten einer antiken Schreibmaschine zusammengesetzt ist. Nur die am häufigsten verwendeten Buchstaben des Alphabets lassen sich direkt eingeben; für die anderen muß man auf komplizierte Tastenkombinationen zurückgreifen, die ich mir nicht einmal ansatzweise merken kann.
Die Sekretärin der Firma quittiert meine Hilflosigkeit mit einem spöttischen Lächeln, und da ich sehe, daß mein Ruf als Experte in Gefahr ist, verlange ich von dem Mädchen, mir das Innere des in einem Stahlschrank versperrten Rechners zugänglich zu machen. Das Gewirr aus Kabeln und Drähten, mit dem ich mich in der Folge konfrontiert sehe, macht die Sache aber nur noch schlimmer und ich fordere die Sekretärin in unfreundlichem Tonfall auf, mir gefälligst eine herkömmliche Tastatur zu besorgen. Wir steigen eine Treppe empor und gelangen auf eine Galerie, auf der sich mehrere Obdachlose so zum Schlafen eingerichtet haben, daß man über ihre am Boden liegenden Körper steigen muß.
Auch hier ist ein in einem Stahlschrank untergebrachter PC aufgestellt, der aber im Gegensatz zu den anderen tatsächlich mit einer Standardtastatur ausgerüstet ist. Ich fasse Mut, der sich aber sehr schnell wieder verflüchtigt, als meine Eingaben mit der Meldung „Zugriff verweigert“ beantwortet werden. Enttäuscht setze ich mich auf einen Stein und starre zu Boden. Da erkenne ich die wahre Ursache des Problems: Es ist die kleine Zehe meines linken Fußes, aus der ein Stück Kerzendocht herausragt. Dieser ist von einer dicken Rußschicht ummantelt und kann in diesem Zustand auf keinen Fall in Brand gesetzt werden. Während ich ratlos in die Betrachtung des Dochtes vertieft bin, erwache ich.
Ich hoffe, daß das Datenbankprojekt, für das ich gerade im Auftrag der Firma O. ein Konzept entwickle, von derartigen Schwierigkeiten verschont bleiben wird.
2005-06-26
Ich liege im Bett und schrecke wegen eines Geräusches auf der Straße aus dem Schlaf auf. Obwohl es drei Uhr morgens ist, sind draußen zahlreiche Leute unterwegs. Unter meinem Balkon hat sich eine Gruppe von Männern versammelt, die mich augenscheinlich beobachten. In der Annahme, daß es sich um Einbrecher handelt, schließe ich die Balkontür, die ich wegen der sommerlichen Hitze bisher offengelassen habe. Da sehe ich, daß sich einer der Fremden bereits in meiner Küche zu schaffen macht; ich nehme ihn in den Schwitzkasten und frage, was er hier zu suchen hat. Er beteuert, nichts Böses im Schilde zu führen, sondern als Installateur mit der Herstellung eines Abflußlochs im Boden meines Balkons beauftragt zu sein. Auf meine Frage, warum er das ausgerechnet in der Nacht von Samstag auf Sonntag erledigen muß, erklärt er, daß seine Firma sich zur Fertigstellung der Arbeiten bis zu einem gewissen Termin verpflichtet hat und diesen nur einhalten kann, wenn rund um die Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet wird.
Da mir diese Erklärung plausibel erscheint, lasse ich den Mann gehen und stelle fest, daß sich in der Mitte des Balkons tatsächlich ein Loch befindet, das wie der Abfluß einer Badewanne mit einem Gummistöpsel verschlossen ist. Außerdem hat der Installateur seine Bartagame zurückgelassen, die sich jetzt über meine Balkonpflanzen hermacht. Das Tier sitzt neben einer Crassula und begnügt sich nicht damit, an den Blättern zu knabbern, sondern hat einen ganzen Ast abgebissen, sodaß die Pflanze bereits merkbar an Form verloren hat. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, daß es gar nicht wie eine Bartagame aussieht, sondern eher wie eine handgroße Echse aus der Familie der Hadrosaurier. Wie um sich mir zu präsentieren, wendet das Reptil mir den Kopf zu und zeigt mir sein Maul voller spitzer kleiner Zähne. Da ich fürchte, daß es auch meinen Kakteen Schaden zufügen wird, versuche ich, diese ins Wohnzimmer zu retten, aber sie haben den Rand des Pflanzgefäßes so mit Stacheln überwuchert, daß ich es mit bloßen Händen nicht mehr angreifen kann. ‫ In diesem Moment erwache ich und stelle fest, daß es tatsächlich drei Uhr früh ist und von der Straße her Lärm zu mir heraufdringt.
Bemerkenswert an diesem Traum ist nicht nur, daß die fiktive Szene am Anfang mit der realen Szene am Ende praktisch identisch ist, sondern vor allem, daß auch die Kulisse des Traumes in nahezu allen Details mit der Realität übereinstimmt. Wenn ich von einer mir aus dem Wachleben vertrauten Örtlichkeit träume, hat diese zumeist kaum ûhnlichkeit mit der Realität; in diesem Fall hingegen erlebe ich meine Umgebung so wirklichkeitsnah, daß der Traum (abgesehen von seinem unwahrscheinlichen Inhalt) von der Realität kaum zu unterscheiden wäre ‫ mit einer Ausnahme: Auf meinem Balkon gibt es keine Crassula.
Zu der Agame fällt mir nur ein, daß ihr Auftritt dem Zweck dient, das Wort „Bart“ im Traum unterzubringen. Außerdem habe ich vor kurzem das Doors-Album „Waiting for the Sun“ gehört ‫ vielleicht ist der ganze Traum also nichts weiter als eine „Celebration of the Lizard“. Vgl. dazu auch das Buch „Glimpses“ von Lewis Shiner.
2005-06-24
Ich wohne mit einem Künstlerehepaar aus den USA in einem Hotel irgendwo in Ungarn. Die beiden halten sich in Begleitung ihres japanischen Ziehsohnes hier auf, um im Rahmen einer Vortragsreise ihre Arbeiten zu präsentieren. Der Vortragssaal ist so überfüllt, daß ich nur mit Mühe einen Platz in der letzten Reihe finde und kaum etwas von der Veranstaltung mitbekomme. Aus der Entfernung kann ich nicht viel mehr erkennen, als daß es sich um Ölgemälde auf hohen, schmalen Paneelen handelt, die auf Ständer aus Aluminiumrohren montiert und zu langen Ausstellungswänden zusammengestellt sind.
Wie sich bei der Abreise herausstellt, hat das Paar während seines Aufenthalts so viele neue Bilder gemalt, daß der Abtransport zum Problem werden muß. Ich habe jetzt erstmals die Gelegenheit, einige der Werke genauer in Augenschein zu nehmen und stelle fest, daß der Mann abstrakte Kompositionen nach der Methode des Action Painting bevorzugt, während die Frau ihren Malgrund mit kräftig-bunten Pinselstrichen bedeckt, die sich bei näherer Betrachtung zu konkreten Gegenständen verdichten. Meine besondere Aufmerksamkeit erweckt das Bild einer aus Feuerflammen zusammengesetzten Kuh, das ich während des Vortrags nur undeutlich erkennen konnte.
Während die beiden mit dem Packen ihrer Sachen beschäftigt sind, habe ich nur ein paar gebrauchte Handtücher vom Boden aufzusammeln, die ich in eine Reisetasche stopfe. Dabei fällt mir ein Billett mit japanischen Schriftzeichen in die Hände, das ‫ wie mir die Malerin erläutert ‫ von dem Vater ihres Ziehsohnes stammt und eine an mich gerichtete Einladung zu dessen am kommenden Freitag stattfindenden Geburtstagsfest ist. Da ich das Reisen nicht liebe, bin ich froh, den knappen Termin als Vorwand für eine Absage nutzen zu können und lasse mir auf dem Billett eine Telefonnummer zeigen, an die ich per Fax eine Entschuldigung übermitteln kann. Dabei präsentiert mir das Kind sein neuestes Spielzeug: einen elektronischen Lesestift zum Scannen von Bildern und Texten, den es in ungeordneten Strichen kreuz und quer über das Billett führt. Zu meiner Überraschung ist das Ergebnis nicht ein Abbild der Einladungskarte, sondern ein überdimensionales blaues Mobiltelefon mit einer Delle an der linken Seite.
Wir machen uns auf dem Weg zu dem Autobus, der uns zum Flughafen bringen soll. Ich habe ein Handtuch um den Kopf gebunden und sitze in nach vorne gekrümmter Haltung in einem Rollstuhl, den der Maler vor sich herschiebt. Auf dem Schoß habe ich einen Stapel CDs, die ich hüte wie einen Schatz; obenauf liegt ein Vierfachalbum mit einer Aufnahme der Oper „L’Olimpiade“ von Johann Stamitz, über dessen Besitz ich besondere Genugtuung empfinde, denn der Maler hat es im Hotel vergessen und jetzt gehört es mir.
An dieser Stelle trete ich aus dem Geschehen heraus und betrachte seinen Fortgang als externer Beobachter, sodaß ich das Folgende nicht von der Warte des Betroffenen aus erlebe, sondern wie ein Zuschauer, der im Fernsehen die Nachrichten verfolgt.
Der Autobus zum Flughafen biegt nach links in eine stark befahrene Schnellstraße ab und reiht sich hinter einem anderen Bus ein, der soeben im Begriff ist, eine Haltestelle anzusteuern. In diesem Moment wechselt ein PKW von der Gegenfahrbahn herüber und rast mit hoher Geschwindigkeit frontal auf das Fahrzeug zu. Dazu ertönt aus dem Off die mit Begleitmusik unterlegte Stimme eines Sprechers, der in neutralem Tonfall von einem folgenschweren Verkehrsunfall berichtet: Der vollbesetzte Bus ist nach dem Zusammenstoß in Flammen aufgegangenen und mit einer einzigen Ausnahme sind sämtliche Insassen darin umgekommen. Der Crash wird nicht mehr gezeigt, stattdessen blendet das Bild in einem feuerballähnlichen Effekt nach Weiß ab. Die in Zeitlupe ablaufende Szene wird mehrfach wiederholt und löst in mir ein starkes Déjà vu-Erlebnis aus.
Ich stehe an der Bushaltestelle, wo sich das Unglück ereignet hat und plaudere mit meiner Kollegin K. Sie hat den japanischen Buben ‫ denn um diesen handelt es sich bei dem Überlebenden ‫ bei sich aufgenommen und wird sich in Zukunft um ihn kümmern. Sie erzählt, daß ihre Schwester ihr das Sorgerecht streitig machen wollte, aber schließlich hat K. sich durchgesetzt.
Während ich dem Erwachen entgegendämmere, kommt mir die Idee, daß die Begleitmusik zu den Worten des Nachrichtensprechers David Bowies „Always Crashing in the Same Car“ sein muß, da dieses Stück in idealer Weise dem repetitiven Charakter der Unfallszene entspricht. Diese Erkenntnis empfinde ich als gelungenen Witz, der mich außerordentlich erheitert.
Im Übrigen ist der Traum voll von aktuellen Bezügen: Das Ausstellungssystem aus Aluminiumrohren wäre mir am Vortag beinahe auf den Kopf gefallen. Ich hatte eine Diskussion zum Thema „Rekonstruktion von Bildinformationen aus Scans mit zu niedriger Auflösung“. Den todbringenden Feuerball verdanke ich Frau A., die in ihrem Blog ein vergleichbares Traumerlebnis aufgezeichnet hat ‫ allerdings hat mein Traum-Ich es durch einen surrealen Trick geschafft, sich der Gefahr zu entziehen.
Der „L’Olimpiade“-Stoff wurde im Lauf der Zeit von zahlreichen Komponisten vertont, doch Johann Stamitz ist nicht unter ihnen. Das Entscheidende dabei ist, daß die zumeist verwendete Textvorlage der Oper von Pietro Metastasio stammt, über den vor kurzem zu lesen war, daß sein mumifizierter Körper in der Gruft der Michaelerkirche im letzten Moment vor dem Verfall gerettet werden konnte ‫ also auch einer, der dem Tod in gewissem Sinn ein Schnippchen geschlagen hat.
2005-06-20
Ich habe mich in einer menschenleeren Landschaft verirrt und streife orientierungslos durch lockeres Gebüsch. Es ist die Zeit der späten Abenddämmerung; hinter mir brauen sich Gewitterwolken zusammen und treiben mit hoher Geschwindigkeit in meine Richtung. Da es bereits nahezu vollkommen dunkel ist, habe ich kaum noch Hoffnung, vor dem Losbrechen des Unwetters einen Unterschlupf zu finden. Da sehe ich wenige hundert Schritte vor mir die Silhouette eines Schlosses, das sich undeutlich gegen den westlichen Horizont abzeichnet. So schnell ich kann eile ich auf das überwucherte Gemäuer zu, doch auf meinen vom langen Wandern ermüdeten Beinen komme ich nur langsam voran. Ein trübes Licht über dem Tor weist mir den Weg.
Meine Hauptsorge gilt der Frage, ob man mich überhaupt einlassen wird; jedenfalls bin ich zu allem entschlossen und werde im Ernstfall auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschrecken. Als ich das Tor erreiche, stelle mit großer Erleichterung fest, daß es unverschlossen ist. Mit letzter Kraft taumle ich in das Innere des Gebäudes ‫ gerade noch rechtzeitig, um der ersten heftigen Sturmbö zu entkommen, die die Türflügel mit lautem Krachen hinter mir zuschleudert.
Da niemand kommt, um mich zu empfangen oder abzuweisen, mache ich mich auf zur Erkundung des Schlosses. Ich schreite durch einen langen Gang, dessen einziges Licht das durch die Fenster einfallende elektrische Leuchten des Gewitterhimmels ist. Von Zeit zu Zeit komme ich an Türen, die sich selbsttätig öffnen und schließen; sie haben den Zweck, den Gang in einzelne Abschnitte zu gliedern, die einander bis ins kleinste Detail gleichen. Es gibt keine Abzweigungen oder Zugänge zu Räumen irgendwelcher Art.
Nachdem ich auf diese Weise eine längere Strecke zurückgelegt habe, erreiche ich das Ende des Korridors. Zur Linken sowie zur Rechten befinden sich Türen, die sich diesmal nicht von selbst öffnen; die eine führt ‫ wie ich aus dem dahinter vernehmlichen Rauschen des Windes schließe ‫ nach draußen, die andere gibt den Weg zu einer Treppe frei, die in völlige Finsternis hinabsteigt. Ich mache ein paar Schritte in das Dunkel und fühle, daß ich mich in einer großen, weiten Halle befinde. In einiger Entfernung tanzen weiße Lichter, die sich auf mich zubewegen und vor meinen Füßen haltmachen. Es sind die Kegel von Scheinwerfern, in denen sich jetzt eine Gruppe von Kaninchen sammelt. Sie tragen Einsiedegläser in den Pfoten, in denen gelbe, rote oder grüne Flüssigkeit hin- und herschwappt. Manche der Gläser sind nahezu voll, bei anderen ist nur mehr der Boden bedeckt.
Mit wortlosen Gesten fordern mich die Kaninchen auf, aus ihren Gläsern zu kosten, doch darf ich dabei auf keinen Fall austrinken oder die Flüssigkeiten mischen. Denn die Gläser enthalten die Seelen der Tiere, und diese können nur solange am Leben bleiben, als etwas von der unvermischten Flüssigkeit übrig ist.
Aus diesem Traum erwache ich zu völliger Klarheit und kann mir jedes Detail des Schlosses und der umgebenden Landschaft plastisch vergegenwärtigen. Assoziationen habe ich dazu keine ‫ die Phrase „Drinker of Souls“ kommt mir bekannt vor, doch kann ich mich nicht erinnern, wo ich sie mitbekommen habe. (Eine Suche bei Google listet ein Buch mit diesem Titel auf, welches ich definitiv nie gelesen habe.)
2005-06-18
Ein Bekannter hat mir seine Zugangsdaten für eine paßwortgeschützte Website anvertraut, in die ich schon mehrmals erfolglos einzubrechen versucht habe. Um endlich zu sehen, was die Seiten zu bieten haben, ziehe ich mich voller Neugier in meine Internet-Kammer zurück. Es handelt sich um ein fensterloses, unmöbliertes Gelaß von nicht viel mehr als einem Quadratmeter Grundfläche, in dessen holzgetäfelte Wände zwei einzeilige Flüssigkristall-Displays eingelassen sind. Die Dateneingabe erfolgt nicht über eine Tastatur, sondern ich muß meine Gedanken auf den Benutzernamen und das Paßwort konzentrieren, damit sie auf den Displays erscheinen und der Zugang freigegeben wird.
Obwohl ich sicher bin, das aus Dutzenden Zeichen bestehende Paßwort korrekt im Gedächtnis zu haben, gelingt es mir nicht, mich in dem System anzumelden. Stattdessen betritt eine junge Frau den Raum und gibt mir zu verstehen, daß das Benutzerkonto, in das ich mich einloggen möchte, wegen unerlaubter Zugriffe gesperrt wurde. Sie sagt: „Wenn du hinein willst, kann nur ich dir helfen, denn ich besitze den weißen Schlüssel zu diesen Seiten.“ Ich lehne ab, denn die Frau ist mir unsympathisch und ich weiß, daß sie mich in eine Falle locken will. Sie läßt sich aber nicht abschütteln und fordert mich immer wieder auf: „Nimm den Schlüssel! Nimm den Schlüssel!“ Um sie loszuwerden, dränge ich sie hinaus ins Badezimmer. Draußen trübt sich für ein Moment mein Bewußtsein und die Frau nützt diese Gelegenheit, um die Tür zur Kammer hinter den Fliesen der Badezimmerwand verschwinden zu lassen.
Ich bin entschlossen, die Frau mit allen Mitteln zur Wiederherstellung des Eingangs zu zwingen und schrecke auch vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurück. Da ich weiß, daß sie kein Wasser verträgt, binde ich sie mit einer Wäscheleine an einem Haltegriff in der Dusche fest, wobei ich den Duschkopf so einrichte, daß ihr abwechselnd kaltes und heißes Wasser über das Gesicht und in den Mund fließt. Obwohl sie sichtbar leidet, gibt sie nicht auf und scheint sich mental gegen die Schmerzen zu wappnen, die ihr das Wasser bereitet. In dem Bewußtsein, daß ich auf diese Weise mein Ziel nicht erreichen werde, führe ich sie zu einer Baustelle und binde sie auf dem Dach eines Rohbaus an ein galgenähnliches Gerüst. Sie stößt durchdringende Schreie aus, die wie das Kreischen von Metall auf Metall klingen und hunderte Meter weit zu hören sein müssen, aber vor dem Hintergrund des Baustellenlärms fühle ich die Gewißheit, daß niemand sie als Hilferufe wahrnehmen wird.
Ich stehe unten auf der Straße und beobachte die Vorgänge auf dem Dach. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein Kalender, auf dem wie im Zeitraffer die Tage abrollen. In wenigen Sekunden vergehen Monate. Als der Juni 2006 erreicht ist, stößt mich ein Bauarbeiter mit gelbem Schutzhelm in die Seite und sagt: „Schau!“ Ich erkenne jetzt zwei Gestalten auf dem Hochhaus: Neben der Frau, die wieder frei ist, steht ein etwa fünf- bis sechsjähriges Mädchen ‫ ihre Tochter, die sie während der Gefangenschaft geboren hat. Die Frau ist nur noch eine seelenlose Hülle mit toten Augen, deren Lebensenergie vollständig auf das Kind übergegangen ist. Als die beiden an mir vorbeigehen, wirft mir das Mädchen einen haßerfüllten Blick zu und schreit: „Du hast mein Leben zerstört!“ Ich nicke zufrieden und steige in einen Eisenbahnzug, wo ich mich mit einem Buch in der Hand entspannt auf einen Fensterplatz setze.
Noch bevor ich eine halbe Seite gelesen habe, läßt sich mir gegenüber ein einarmiger Krüppel mit einem großen zähnefletschenden Hund auf dem Schoß nieder. Das linke Bein des Mannes fehlt vollständig, vom rechten ist noch der Oberschenkel einschließlich des Kniegelenks erhalten. Der Krüppel streckt seinen Beinstumpf von sich und breitet sich so in den Zwischenraum zwischen unseren Sitzen aus, daß ich mich in eine unbequeme, beengte Position gedrängt finde. Dies ist eindeutig ein Angriff, doch ich will tolerant sein und wende mich zur Seite, um dem Fremden mehr Platz einzuräumen, als ihm eigentlich zusteht. Dem Hund scheint dieser Akt der Rücksichtnahme zu gefallen, denn er zeigt mir jetzt nicht mehr die Zähne, sondern legt den Kopf auf die Pfoten und schläft ein.
Diesen Traum (den ich jetzt beim Aufschreiben von einem leicht sado-erotischen Unterton durchzogen finde) kann ich nach dem Erwachen nur mit Mühe rekonstruieren. Ein Bruchstück, in dem ich meinen Arbeitskollegen G. mit gebrochenem Bein aus dem Wrack eines mißgestalteten Formel 1-Rennwagens berge, läßt sich überhaupt nicht mehr in den Gesamtzusammenhang einordnen. G. ist jedenfalls nicht identisch mit dem Behinderten im Zug.
Das Schreien der Frau auf dem Dach des Hochhauses entspricht exakt dem Geräusch des bremsenden Eisenbahnzuges, mit dem das Stück „Abzug“ auf dem Kraftwerk-Album „Trans Europa Express“ seinen Abschluß findet. Es fällt auf, daß in der Mehrzahl meiner Träume aus der letzten Zeit Züge und Schienen eine Rolle spielen.
2005-06-17
Nervosität unter Pferdebesitzern: Ein augenscheinlich geistesgestörter Tierquäler macht die Gegend unsicher und hat sich schon in mehrere Reitställe eingeschlichen, um den dort untergebrachten Tieren Stich- und Schnittverletzungen zuzufügen. Um jedes Risiko zu vermeiden, hat C. ihr Pferd ins Schlafzimmer geholt und ist nun damit beschäftigt, es zu striegeln und zu bürsten, während ich auf dem Bett liege und vor mich hin döse.
Plötzlich öffnet sich die Tür und eine schattenhafte Gestalt mit einem Messer in der Hand tritt ein. Da ich in einem Dämmerzustand befangen bin, kann ich nicht reagieren, und C. ist so in ihre Arbeit vertieft, daß sie nicht bemerkt, wie der Schatten dem Tier die Waffe in den Hals stößt. Die Wunde ist klein, aber tief ‫ in einem dicken Strahl ergießt sich das Blut auf den Boden und steht bald so hoch, daß es uns bis zu den Schienbeinen reicht. Das Pferd liegt auf der Seite und ist durch den Blutverlust so geschrumpft, daß es nicht größer als ein Hund und fast vollständig von der roten Lache bedeckt ist.
Hilfesuchend blickt C. mich an. Ich bin zwar überzeugt, daß das Tier tot sein muß, aber um C. nicht allein zu lassen, hebe ich es auf, lasse es sorgfältig abtropfen und lege es auf das Bett. Zu meiner Überraschung stelle ich fest, daß es noch lebt ‫ es atmet, wenn auch nur schwach und leise röchelnd. Ich greife zum Telefon, um einen Tierarzt zu verständigen, aber die Nummer, die C. mir ansagt, ist so lang, daß ich sie mir nicht merken kann und mich immer wieder verwähle. Ich rufe meine Mutter an und bitte sie, einen Tierarzt zu uns zu schicken, doch sie lehnt dies ab mit der Begründung: „Gleich drüben im nächsten Haus hat erst kürzlich einer seine Praxis eröffnet, aber vorbeikommen mußt du schon selbst.“ In diesem Augenblick befinde ich mich auch schon auf einer frischgrünen Wiese mit Bäumen und gehe auf das sonnenbeschiene Landhaus zu, Ãn dem sich der Tierarzt niedergelassen hat. Als ich etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt habe, erwache ich.
Hier offenbart sich möglicherweise die dunkle Seite meiner ambivalenten Haltung zu C.s Pferd. Da die Sache aber seit längerer Zeit nicht mehr aktuell ist, kann es sich nicht um einen akuten Wunschtraum handeln.
Der Fall eines in Deutschland tätigen „Pferderippers“ ging in den letzten Jahren tatsächlich immer wieder durch die Nachrichten. Eine weitere Assoziation zu diesem Traum ist Peter Shaffers Theaterstück „Equus“, das ich vor etlichen Jahren einmal in einer Filmfassung von Sidney Lumet gesehen habe.
2005-06-15
Ich bin auf Dienstreise in einer österreichischen Provinzhauptstadt und stehe mit leichtem Gepäck vor einem Gebäude, das im Ort als „Papstkirche“ bekannt ist. Das Haus weist keine äußeren Merkmale auf, die es als Sakralbau kennzeichnen, und auch innen ähnelt es eher einem profanen Veranstaltungszentrum als einem Gotteshaus. Als ich eintrete, sind gerade Vorbereitungen für eine Messe im Gange. Ein rüstiger alter Mann in Hemdsärmeln und ausgebleichten Jeans rückt Tische und Sessel zurecht und begrüßt die Ankommenden mit einem Kopfnicken. Es ist Karol Wojtyla, der ehemalige Papst Johannes Paul II., der hier nach dem Ende seiner offiziellen Laufbahn als Kirchenoberhaupt eine Stelle als Meßdiener bekleidet. Er strahlt Ruhe und Abgeklärtheit aus und trotz seiner bescheidenen neuen Rolle ist klar, daß er der Star dieser Gemeinde ist.
Die Messe wird von einem gesichtslosen Kleriker im Bischofsornat gehalten und ist nach einigen unverständlich gemurmelten Worten so schnell vorbei, daß die Anwesenden kaum Zeit haben, Platz zu nehmen. Unter den aufmerksamen Blicken Wojtylas, der sich neben dem Ausgang aufgestellt hat, leert sich der Saal sehr rasch. Als ich an ihm vorbeikomme, lächelt er mir freundlich zu.
Meine Aufgabe ist damit erfüllt und ich mache mich auf den Weg, um die Rückreise anzutreten. Um schneller vorwärts zu kommen, benutze ich ein Snakeboard, aber das Gerät paßt nicht zu meiner Schuhgröße und krümmt und windet sich so störrisch, daß ich vom Gehsteig auf die Fahrbahn gelange und beinahe von einem Auto angefahren werde. Da ich inzwischen den Bahnhof erreicht habe, lasse ich das Board liegen und suche nach einer Gelegenheit, Proviant für die Fahrt einzukaufen. Der Supermarkt im Bahnhof ist gerade im Umbau begriffen und ein Schild weist mich in einen grasbewachsenen Hof, in dem zwei armselige Verkaufsstände aufgestellt sind. Der eine ist bis auf ein paar altbackene und für meinen Bedarf viel zu große Brotlaibe ausverkauft, der andere führt nur Hartwurst, an der ich mir nicht die Zähne ausbeißen möchte. Auf meine Frage, ob es hier nichts anderes gebe, verweist mich der Verkäufer an einen dritten Stand in großer Entfernung am Ende des Platzes. Da mir der Weg dorthin zu weit ist, verzichte ich auf den Einkauf und verlasse das Areal.
In der Zeitung lese ich jetzt beinahe täglich von der Einleitung eines Verfahrens zur Seligsprechung von Johannes Paul II., der mir im Wachzustand nie so sympathisch erschienen ist wie im Traum. Der Supermarkt in meiner Straße wird in den nächsten Wochen tatsächlich umgebaut.
2005-06-08
Ich befinde mich in einen Gebäude, das kurz vor der Räumung steht. Zahlreiche Leute eilen geschäftig hin und her und suchen ihre Habseligkeiten zusammen. Unter ihnen befindet sich auch Frau A. Sie ist Sängerin, hat die dunkle Haut einer Afrikanerin und gekräuseltes schwarzes Haar. In den Ohren trägt sie dicke goldene Ringe. Sie ersucht mich, ihr beim Schließen eines Reißverschlusses an ihrer Jacke zu helfen, nestelt aber selbst so lange daran herum, daß ich die Geduld verliere und weitergehe.
Im Nebenzimmer herrscht Aufregung. An einem Tisch in der Mitte des Raumes steht ein Student und schreit immer wieder: „Ich will hier raus! RAUS!“ Er meint nicht die Evakuierung des Gebäudes, sondern die Leistungsgesellschaft, das Establishment, sich selbst. Vor ihm liegt ein Cellophansäckchen mit einem schmutzigweißen Pulver; zuerst halte ich es für Kokain, doch dann wird neben mir etwas von „Radium“ geflüstert. Der Student drängt jedem, der an seinem Tisch vorbeikommt, einen Teil seiner Wertsachen auf: Schmuck, Geld, eine Uhr. Da ich nichts davon haben will, stehle ich mich an ihm vorbei und sehe zu, daß ich weiterkomme.
Ich erinnere mich deutlich, meine Sachen irgendwo im Haus verstaut zu haben, kann sie aber nirgends finden. Systematisch suche ich Zimmer um Zimmer ab, doch ohne Erfolg. Nach einiger Zeit gelange ich wieder zu dem Studenten, der mir ein paar Geldscheine in die Hand drückt ‫ es sind 210 Euro. Zugleich bemerke ich, daß das Cellophansäckchen aufgeplatzt und ein Teil des Inhalts über den Tisch verstreut ist. Da der Student das Geld nicht zurücknehmen will, beschließe ich, es für ihn aufzubewahren und lege es vor mir auf den Tisch, um meine Börse herauszuholen. Während ich in meinen Jackentaschen danach suche, greift einer der Nebenstehenden nach den Scheinen und wirft sie in einen großen Plastiksack, wozu er die Erklärung abgibt: „Das Geld ist möglicherweise mit dem Radium in Berührung gekommen und kontaminiert. Es darf auf keinen Fall in Umlauf gebracht werden.“
Froh, diese Sorge los zu sein, verlasse ich das Gebäude und begebe mich zu einer unterirdischen Bahnstation, die sich nach und nach mit gepäckbeladenen Menschen füllt. Das flackernde Licht verbrauchter Leuchtstoffröhren erhellt den Bahnsteig nur ungenügend. Plötzlich fällt der Strom ganz aus und der Perron ist in vollständige Dunkelheit getaucht. Im Tunnel zeichnen sich in einiger Entfernung die Scheinwerferkegel zweier Autos ab; der vordere Wagen ist ein VW Käfer und trägt die Insignien eines Polizeistreifenwagens, von dem zweiten Fahrzeug ist nur das Licht seiner Scheinwerfer zu sehen. Nachdem die Autos einige Sekunden wie zu einer Beratung angehalten haben, setzen sie ihren Weg fort und fahren mit abgeblendeten Scheinwerfern im Schrittempo an mir vorbei ‫ sie wollen nicht gesehen werden.
Als sie hinter der Biegung des Tunnels verschwunden sind, geht das Licht auf dem Bahnsteig wieder an und ich bemerke, daß die Geleise zu meinen Füßen verschwunden sind. Es ist klar, daß hier kein Zug mehr durchkommen wird. Auf diesem Weg gibt es kein Entrinnen.
Es handelt sich hier möglicherweise um die Bruchstücke von zwei Träumen, die erst durch den Prozeß des Erinnerns in der vorliegenden Form zusammengesetzt werden. Zu keinem der auftretenden Motive habe ich nach dem Erwachen eine Assoziation.
2005-06-06
Ich sitze am PC und teste ein Computerspiel, dessen Grundidee darin besteht, einen Eisenbahnzug durch den Abwurf von Bomben aus Flugzeugen zu vernichten. Die Grafik ist sehr einfach gehalten und erinnert an die Flüssigkristallanzeigen der vor zwanzig Jahren weit verbreiteten tricotronic-Spiele. An die Geschicklichkeit des Spielers werden kaum Anforderungen gestellt; der Spielverlauf sieht so aus, daß sich aus einem Tunnel am rechten Bildschirmrand der Zug ins Spielfeld schiebt, während ein von links kommendes Flugzeuggeschwader auf Knopfdruck seine Bomben abwirft. In dem dichten Bombenhagel ist es kaum möglich, den Zug zu verfehlen, und solange man darauf achtet, das Bombardement nicht zu früh auszulösen, erledigt sich die Aufgabe praktisch von selbst.
Nach der Eliminierung des Zuges gelangt man in die nächste Spielstufe. Ich erwarte ein Ansteigen des Schwierigkeitsgrades, aber im Gegenteil: Während die Bewaffnung der Angreifer von Level zu Level effektiver wird, bietet sich der Zug stets als wehrlose Zielscheibe dar. Im Einklang mit dem Fortschreiten der Angriffsstärke wird auch die Spielgrafik immer detailreicher und naturgetreuer, bis der Bildschirm zuletzt äußerst realitätsnahe 3D-Bilder zeigt.
Nach einiger Zeit erscheint der Zug nicht mehr von links, sondern von rechts. Die Angreifer sind jetzt ebenfalls in einem Zug unterwegs und richten von hinten einen energiereichen weißen Laserstrahl auf ihr Ziel. Die getroffenen Waggons können diesem Beschuß nur wenige Sekunden standhalten und lösen sich dann in nichts auf ‫ „they pop out of reality“. Einige können sich länger halten als andere, da der Laser hinten und vorne durch Fenster fällt und so seine Wirkung nicht entfalten kann, aber durch Variieren des Abstrahlwinkels lösen die Angreifer dieses Problem sehr zuverlässig.
Das Spiel ist jetzt so wirklichkeitsgetreu, daß ich selbst als Teil der Szene auf dem Bahnsteig stehe und den verfolgten Zug im Bahnhof einrollen sehe. Rundum ist es dunkel, das weiße Leuchten des Lasers hebt sich deutlich gegen den diffusen Hintergrund ab. Ich beobachte, wie Waggon um Waggon verschwindet und der Zug immer kürzer wird. Bald erstrahlt auch der Wagen unmittelbar neben mir in gleißendem weißen Licht und löst sich auf. Doch zurück bleiben seine Passagiere ‫ eine Meute hungriger Untoter, die nur auf die Befreiung aus ihrem Gefängnis gewartet haben, um über die neugierigen Gaffer am Bahnsteig herzufallen.
Da begreife ich: Das eigentliche Spiel beginnt erst jetzt. Es trägt den Titel „Attack of the Killer Zombies“.
Auch wenn man anderes vermuten könnte: Dies ist kein Alptraum! Die Stimmung bleibt die ganze Zeit hindurch absolut entspannt und das Auftreten der Zombies verleiht dem am Anfang so langweiligen Spiel überhaupt erst einen Sinn. Wer wissen will, wie es weitergehen könnte, möge sich im WWW das H.P. Lovecraft-inspirierte Spiel „Herbert West ‫ De-Animator“ von Bum Lee heraussuchen, auf das ich vor einigen Tagen in einem ganz anderen Zusammenhang gestoßen bin.
Als kleinen Schönheitsfehler empfinde ich den weißen Laser, denn so etwas dürfte einem naturwissenschaftlich gebildeten Menschen eigentlich nicht einmal im Traum einfallen.
Die Bahnhofshalle ist ein typisches Produkt der Bahnhofsarchitektur des späten 19. Jahrhunderts, wie sie etwa der Budapester Ostbahnhof Keleti pályaudvar repräsentiert.
2005-06-05
Ich bin im Rahmen einer Universitätsveranstaltung in einem vollbesetzten Vortragssaal mit der Vorführung von Tonaufzeichnungen beschäftigt. Als Schallträger dienen ausgehöhlte hölzerne Rollen, an deren Innenseiten Tonspuren eingraviert sind. Die Abtastung erfolgt über eine an einem Faden hängende Nadel, die schräg von der Seite in die sich drehende Rolle eingeführt wird. Mit dem Faden verbunden ist der Phonograph. Er hat die Form eines annähernd würfelförmigen Kastens, in dessen Innerem ein mechanisches Räderwerk wie bei einer Skelettuhr zu erkennen ist. Das einzige Bedienelement ist ein Hebel zur Regulierung der Fadenlänge. Auf der Rolle, die gerade wiedergegeben wird, ist ein Hörspiel aufgezeichnet.
Während ich mich darüber wundere, wie diese technisch völlig abwegige Konstruktion überhaupt funktionieren kann, gibt es auch schon Probleme: Die Nadel wird von einem Kratzer in der Tonspur aus der Bahn geworfen, statt des Hörspiels erklingt Klaviermusik. Da es mir nicht gelingt, die Nadel zur Fortsetzung des Stücks an der richtigen Stelle zu positionieren (scheinbar ist das Hörspiel völlig von der Rolle verschwunden), ist die Vorführung zu Ende.
Im Schallarchiv, das in metallenen Spinden an einer seitlichen Wand des Saals aufbewahrt ist, finde ich wider Erwarten keine weiteren Rollen, sondern gedruckte Texte, die zusammengefaltet an Kleiderhaken hängen. Es handelt sich um mehrere Meter lange Papierstreifen, die an den Faltstellen bereits brüchig sind. Es ist klar, daß konservatorische Maßnahmen dringend nötig wären, doch mein Vorgesetzter Dr. K. gibt mir zu verstehen, daß man im Moment nicht viel mehr tun könne, als das Material für die Nachwelt aufzubewahren.
Die Veranstaltung nimmt ihren Fortgang mit der Darbietung eines Gastprofessors mit wirrem Haar und dicker Hornbrille, der an einem elektrischen Klavier abwechselnd laute und leise Akkorde anschlägt. Das Forte tönt über die Wiedergabelautsprecher verzerrt und dröhnend, was die Sekretärin so erklärt: „Anfang der Sechziger Jahre hab’ ich diesen Kindersarg um damals 1042 Schilling gekauft. Von so einem billigen Glumpert kannst’ nix Besseres erwarten.“ Mein Einwand, daß tausend Schilling vor vierzig Jahren etwa einem Monatsgehalt entsprachen und von „billig“ daher nicht die Rede sein kann, ändert nichts an ihrer Meinung.
Es kommt die Idee auf, daß man den Klang des Klaviers durch eine Positionsänderung der Lautsprecher verbessern könnte. Diese hängen an der Decke und können per Fernsteuerung entlang eines Schienensystems verschoben werden. Die Lautsprecher setzen sich in Bewegungen, doch es gibt Kollisionen mit anderen Bestandteilen der Multimedia-Anlage, darunter eine schrankgroße, hölzerne Maschine aus Zahnrädern und Seilen. Dabei ist offensichtlich, daß die Lautsprecher nur auf ein Nebengleis verschoben werden müßten, um freie Bahn zu haben. „Wenn ihr meinen Tip hören wollt, dann stellt die Weichen,“ rufe ich in den Saal hinein. Die Lautsprecher stoßen noch ein paar mal an andere Gegenstände und bleiben dann stehen.
Für meine Teilnahme an der Veranstaltung habe ich ein Mobiltelefon geschenkt bekommen, für welches mit dem Spruch „Kann alles empfangen, was Intelligenz hat“ geworben wird. Das Gerät ist aus billigem orangefarbenem Plastik gefertigt und weist an den Seiten Fortsätze auf, die Ohren sein könnten. Leider habe ich die Bedienungsanleitung verlegt und muß mich nun auf die Suche machen. Anfangs fehlt mir in dem weitläufigen Gebäudekomplex die Orientierung, doch nach einiger Zeit erkenne ich, daß es sich um das Gymnasium handelt, in dem ich meine Mittelschulzeit verbracht habe. Ich bin unbekleidet und trage meine Hose in der Hand. An einer Ecke treffe ich meine Klassenkollegen C.F. und T.M., die mir lässig zunicken. Als ich in einen Korridor einbiege, der sich als Zugang zu einem Nonnenkloster entpuppt, rufen sie mir lachend nach: „So kannst du da nicht hinein!“ Der nächste Abzweigung vom Hauptgang führt zu einem Altersheim. Auch diese Richtung verfolge ich nicht weiter.
Spontan fällt mir ein, daß es das Gescheiteste wäre, die Bedienungsanleitung auf dem Sportplatz der Schule zu suchen. Ich bin unter Zeitdruck; es ist knapp vor 18 Uhr und die Schule wird in wenigen Minuten schließen. Als ich in den Hof trete, dämmert es bereits. Obwohl ich genau weiß, wo der Sportplatz liegt, gelingt es mir nicht, ihn zu erreichen ‫ ständig muß ich Höhenunterschiede überwinden, treppauf und treppab laufen, Umwege zu Umgehung versperrter Gittertore machen. Als ich endlich am Ziel bin, ist der Platz zu, aber durch den Zaun kann ich sehen, daß hier ohnehin nichts zu finden wäre.
Unschlüssig bleibe ich stehen und sehe mich um. Ich befinde mich vor dem Rest eines Gemeindebaus, der zum größten Teil der Schule geopfert wurde. Die Schule hat sich in gewissem Sinn in das Gebäude hineingefressen. Obwohl nicht viel mehr als die vordere Fassade erhalten ist, wohnen Leute darin, und zwar ‫ wie ich mir lebhaft ausmale ‫ unter äußerst beengten Verhältnissen. Gleich neben dem Bau windet sich spiralförmig eine Fußgängerrampe in die Höhe, auf der engumschlungen ein Liebespaar steht. Da ich den beiden nicht unbekleidet unter die Augen treten möchte, beeile ich mich, meine Hose wieder anziehen, aber ich stelle fest, daß ich schon eine andere anhabe. Ich erwäge, die beiden Kleidungsstücke übereinander zu ziehen, verwerfe den Gedanken aber.
Arm in Arm und ohne mich zu grüßen schlendert das Liebespaar an mir vorbei. Auf dem Rückweg werde ich in eine Diskussion mit zwei deutschen Touristen verwickelt, die mir unbedingt darlegen wollen, wie unzulänglich die künstlerische Ausgestaltung meiner Schule im Licht moderner Erfordernisse ist.
Von Audiogeräten erwarte ich nichts weniger als Perfektion, und zwar bei vollständiger Verschleißfreiheit und unbegrenzter Lebensdauer. Die Aufbereitung einer Tonaufzeichnung für eine Präsentation (im WWW) beschäftigt mich zur Zeit tatsächlich.
Die Musik des Gastprofessors weckt beim Erwachen den Gedanken an Franz Liszts „Études d’exécution transcendente“ in mir ‫ vielleicht deshalb, weil die in meinem Besitz befindliche Aufnahme dieses Werks beschädigt und nur teilweise abspielbar ist.
In meinem sozialen Umfeld bin ich der einzige Mensch ohne Handy. Im Übrigen fällt auf, daß in diesem Traum schon wieder ehemalige Mitschüler auftauchen.
2005-06-03
Ich bin mit einem namenlosen Begleiter in einer wichtigen Mission irgendwo im Gebirge unterwegs. Wir befinden uns in einem modernen Gebäude, das durch großflächige Fenster einen guten Ausblick auf das alpine Panorama bietet. Der Raum, in dem wir uns aufhalten, erinnert an eine Schulklasse; es sind Tische und Bänke darin aufgestellt, die Wände sind kahl und weiß. Ich schaue hinaus und sehe, wie sich in einiger Entfernung hinter den Gipfeln eine große schwarze Wolke zusammenballt. Sie nimmt die Form eines gigantischen Kopfes an, der aus leeren Augenhöhlen über den Bergkamm zu uns herüberstarrt. Die Wolke führt nichts Gutes im Schilde ‫ es steht uns ein heftiger Gewittersturm oder noch Schlimmeres bevor.
Ich trete vor die Tür, um meinen Blickwinkel zu erweitern, aber hier draußen ist von der Wolkenformation nicht viel zu erkennen. Ich habe den Eindruck, daß sie mich bereits eingeholt und in ihrer Mitte eingeschlossen hat. Wegen der geringen Dichte der Wolke erscheint sie nur als Nebel, der in dünnen Schwaden um mich zieht. Ringsum scheint die Sonne.
Ich gehe zurück ins Haus und mache meinen Begleiter auf den drohenden Sturm aufmerksam. Aus der Perspektive des Fensters ist der Wolkenkopf wieder halb hinter den Bergen versteckt und hat sich kaum verändert. Wir entschließen uns zum sofortigen Aufbruch und bewegen uns im Laufschritt einen schmalen Bergpfad entlang. Links von uns tut sich ein Abgrund auf, rechts steigt eine steile Felswand in die Höhe. Bald haben wir den Bereich des Nebels hinter uns gelassen und erreichen ein lichtes Waldstück. Zwischen den schütter belaubten Bäumen finden wir Objekte, die scheinbar Überreste einer vergangenen Epoche sind. Ich komme an einer seltsamen Anordnung von Knochen vorbei, die der Brustkorb eines deformierten Riesentieres sein könnte; wenig später treffe ich auf einen übermannshohen Pilz, um dessen Stamm eine armdicke eiserne Kette geschlungen ist.
Wir beschleunigen unseren Lauf und gelangen zu einer ausgetrockneten Wiese, deren dürres Gras mir bis zu den Schultern reicht. Mein Begleiter ist ein geübter Amateursportler und mir bereits ein gutes Stück voraus. Ich wechsle in seinen Körper hinüber und setze zu einem Sprint an, und tatsächlich gelingt es mir, eine neue persönliche Bestzeit über eine nicht näher festgelegte Kurzstrecke aufzustellen. Befriedigt lasse ich mich auf einem flachen Stein nieder und warte auf mich selbst. Als ich mich bald darauf in einiger Entfernung durch das Gras rascheln höre, stellt sich ein Gefühl der Entspannung ein: Wir haben es geschafft!
Dieser Traum ist am Anfang unvollständig und das einzige zusammenhängende Bruchstück einer chaotischen Sequenz von Bildern, die sich nach dem Erwachen sehr schnell aus meinem Gedächtnis verflüchtigen. Ich erinnere mich noch an kilometerlange Papierbahnen, auf die ich mit Farbe aus Badewannen ganze Straßenzüge einer Stadt im Maßstab 1:1 aufmale. Eine Rolle spielt auch ein Paar zerschlissener Hausschuhe, von denen mir einer von einem Schulmädchen entführt wird, während ich den anderen einer Englischlehrerin in den Rücken werfe und mich mit charmantem Lächeln und den Worten „you are a victim of collateral damage“ entschuldige.
Der Wolkenkopf und die Knochenskulptur im Wald entstammen der Bildwelt Zdzislaw Beksinskis, während der Riesenpilz auf einen Holzstich aus Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zurückgeht. Zu den Schuhen fallen mir die Espadrilles von Gaston Lagaffe ein, der bei mir unter dem Namen „Jo-Jo“ registriert ist (und meine ebenfalls nicht mehr ganz neuwertigen Büroschuhe).
2005-06-02
Ich besuche eine Festveranstaltung der Stadt Wien in der Großfeldsiedlung. Das Geschehen spielt sich auf insgesamt fünf Bühnen ab, die ungefähr in Form einer Quincunx (vier quadratische an den Ecken und eine langgezogen rechteckige in der Mitte) angeordnet sind. Zu Füßen der Besucher ist ein Übersichtplan auf den Weg gezeichnet, der die Bühnen als eichenblattartige Strukturen darstellt.
Ich entschließe mich zum Besuch der ersten Bühne links, die direkt unter den Fenstern eines Gemeindebaus im Stil der Sechziger Jahre angelegt ist. Die Bezeichnung „Bühne“ ist eigentlich irreführend, denn es handelt sich um einen ebenen, asphaltierten Platz, der schon von neugierigen Zuschauern umstellt ist. Ein mit einer schwarzen Plane überzogenes Metallgerüst am vorderen Ende des Platzes trennt diesen vom Weg ab. Oben sind drei Tageslichtprojektoren montiert, die den optischen Hintergrund für die angekündigte Zirkusshow liefern sollen.
Nach einigem Warten tritt der Zirkusdirektor auf den Plan. Er ist ein untersetzter, kräftiger Mann mit ausladendem Schnurrbart, der ein weißes Hemd und darüber ein schwarzes Gilet trägt. Er hält eine Ansprache, deren Wortlaut ich nicht verstehe, da ich in einiger Entfernung von ihm mit dem Rücken zu dem Gerüst stehe; alles, was ich mitbekomme, ist, daß er mit fremdländischem Akzent spricht. Irgendwo im Publikum fällt der Begriff „Gens du voyage“. Während ich mich auf die Ansprache konzentriere, spüre ich, wie das Gerüst hinter mir zu schwanken beginnt. Instinktiv trete ich zur Seite, da fällt es auch schon mit ohrenbetäubendem Krachen um. Hilfskräfte eilen herbei und richten die Konstruktion wieder auf, aber durch das Gewicht der Projektoren ist sie so kopflastig, daß sie gleich wieder in Schieflage gerät und erneut umstürzt. Der Vorgang wiederholt sich noch vier oder fünf Mal, dann geben die Helfer auf.
Der Direktor begutachtet den Schaden. Einer der drei Projektoren ‫ er ist zitronengelb ‫ war nur gemietet und wäre noch funktionsfähig. Die beiden anderen Geräte stehen im Eigentum der Zirkusgesellschaft und sind zerstört. Ihre in kräftigem Orange gehaltenen Porzellangehäuse sind zerbrochen. In eines der Geräte hat jemand frisch aufgebrühte Teeblätter geschüttet, die durch die Hitze der Projektionslampe zu rauchen und zu stinken beginnen. Es ist klar, daß eine Reparatur nicht möglich ist ‫ die Veranstaltung muß abgebrochen werden. Ich frage den Direktor, ob er wenigstens versichert ist, aber er zuckt nur wortlos mit den Schultern und wendet sich von mir ab.
Die Artisten packen ihre Sachen zusammen. Ein Traktor fährt an mir vorbei, der vier dicke, konisch zulaufende Schläuche hinter sich herzieht. Ich erkenne, daß es sich um Giraffenhälse handelt, an denen noch die Köpfe hängen; zwei von ihnen sind dicht über dem Körper abgetrennt, bei den anderen beiden ist nur der oberste Halswirbel vorhanden. Diese Giraffenhälse wären die Hauptattraktion der Vorstellung gewesen. Erfolglos versuche ich mir auszumalen, welche Kunststücke sie wohl dargeboten hätten.
Der Fahrer steigt von seinem Traktor ab und spricht mich in einem Gemisch aus Deutsch und Französisch an: „Ce sont des bananes de cirque américaines ‫ das sind unsere Zirkusbananen. Am besten sind sie in Amerika.“ Mit einem Mal sind die Köpfe ganz klein, nicht größer als eine Kinderfaust. Der Fahrer hält mir die beiden kurzhalsigen entgegen und fordert mich auf, sie in die Hand zu nehmen, aber ich traue mich nicht. Eine der beiden Giraffen blickt mich gemütlich wiederkäuend an. Eine Aura unerschütterlicher Zufriedenheit geht von ihr aus.
Vor zwei Tagen habe ich im Radio einen Beitrag über die Kultur der Jenischen gehört, in dem der Begriff „Gens du voyage“ gefallen ist. Dabei habe mich an das Comicalbum „Chlorophylle et les gens du voyage“ erinnert ‫ eine Zirkusgeschichte des französischen Zeichners Pierre Guilmard, deren Entstehung ebenso wie die der Gemeindebauten in der Großfeldsiedlung (in der ich aufgewachsen bin) in die Sechziger Jahre fällt.
2005-06-01
Ich begleite meinen Freund C.F. zu einem ûrztekongreß in eine unbekannte, namenlose Stadt. Während er die meiste Zeit mit dem Besuch von Vorträgen beschäftigt ist, hat der Aufenthalt für mich eher den Charakter eines Urlaubs. Ich schlendere durch die Straßen und gelange in einer Fußgängerzone zu einem weitläufigen Platz, der von eleganten, fünf- bis sechsstöckigen Gebäuden eingesäumt ist. Auf dem Dach eines der Häuser steht in einen enganliegenden weißen Anzug gekleidet eine weibliche Gestalt. Ihr Kopf ist vollständig verhüllt, sodaß man die Gesichtszüge nicht erkennen kann. Sie breitet die Arme aus und stürzt sich in der Haltung einer Turmspringerin in die Tiefe.
Als sie auf dem Straßenpflaster aufschlägt (sie landet flach auf dem Bauch), ergießt sich ein armdicker Strahl einer graugelben, schleimigen Flüssigkeit aus ihrem Mund. Obwohl sie eindeutig tot ist, sind keine äußeren Verletzungen und kein Blut zu sehen; dafür wirkt die Figur nach dem Flüssigkeitsverlust eingeschrumpft und seltsam in die Länge gezogen, als wäre sie auf einer Streckbank gelegen. Auf die Frage eines Kindes, das gerade mit seiner Mutter an dem Unglücksort vorbeikommt, findet diese bezüglich der Todesursache folgende Erklärung: „Ihr Inneres wurde durch die Wucht des Aufpralls wie mit einem Mixer durcheinandergerührt und ist ihr in den Hals gekommen. Daran ist sie erstickt.“
Auf dem Rückweg ins Hotel denke ich an den Schriftsteller Egon Friedell, der sich der Verhaftung durch die Gestapo durch einen Sprung aus dem dritten Stock entzogen und zuvor noch die Passanten auf der Straße gewarnt hat.
Im Hotel treffe ich C.F., der es wie immer sehr eilig hat. Da bis zum Essen noch Zeit bleibt, entschließe ich mich, gewisse wichtige Papiere zu ordnen und am PC einzuscannen. Die Unterlagen sind auf dem Gang in einem flachem Schrank mit Schiebetüren aufbewahrt, den ich mir mit C.F. teile ‫ die linke Seite gehört ihm, die rechte mir. Während ich nach meinen Sachen suche, kramt er ungeduldig in seiner Hälfte herum, wobei er die Türen zu mir herüber schiebt und mir dabei die Hand einzwickt. Noch ehe ich mich beschweren kann, ist er schon wieder davongestürmt und hat den Inhalt des Schranks in chaotischer Unordnung zurückgelassen.
Nach einem vergeblichen Versuch, Ordnung in das Durcheinander zu bringen, nehme ich den Stoffsack mit meinen Papieren an mich und mache mich auf den Weg in mein Zimmer. Erst jetzt bemerke ich, daß ich in Unterwäsche herumlaufe, was mir äußerst peinlich ist. Eilig schließe ich die Tür hinter mir und setze mich an einen Tisch, auf dem noch weitere Gegenstände liegen, die für meine Buchhaltung wichtig sind: Kontoauszüge, undefinierbare Papierschnipsel, Wachszündhölzer mit gar keinem, einem oder mehreren Köpfen. Beim Anblick dieser Dinge werde ich nervös, denn ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten. In dringender Schärfe wird mir bewußt, daß ich mich seit dem vergangenen Oktober nicht mehr mit der Buchhaltung beschäftigt habe und daher kaum noch eine Chance auf eine korrekte Abwicklung besteht. Kurzentschlossen stufe ich die einköpfigen Zündhölzer und sämtliche Papierschnipsel als unwichtig ein und werfe sie in der Hoffnung weg, die gröbsten Ungereimtheiten damit bereinigt zu haben.
Ich öffne den Stoffsack und entnehme ihm einen kleineren Beutel, in dem ich andere noch zu bearbeitende Unterlagen aufbewahre. Doch offenbar habe ich mich geirrt, denn in dem Beutel befindet sich nur eine zusammengefaltete durchsichtige Plastikfolie. Plötzlich steht neben mir eine kleine, vollschlanke Frau in einem blauen Kleid, die mir das Bündel aus der Hand nimmt und einer eingehenden Betrachtung unterzieht. Scheinbar kann auch sie nichts damit anfangen, denn sie gibt mir die Folie mit einem enttäuschten Schulterzucken zurück. Ich verstaue sie in dem Beutel und knote diesen zu, wobei ich sorgfältig darauf achte, einen Knoten zu machen, der sich auch leicht wieder öffnen läßt. Damit ist der Traum zu Ende.
Mein Schulfreund C.F. ist tatsächlich Arzt und ein vielbeschäftigter Mann, sodaß wir uns leider nur recht selten sehen. Während meiner Studienzeit habe ich ihn immer darum beneidet, daß die Kongresse in seinem Fach von der Pharma-Industrie so gut gesponsert werden. Er hatte immer erstklassige Hotels und ein aufwendiges Zusatzprogramm, während man in meinem Fach schon froh sein mußte, wenn man die Kosten für eine Jugendherberge ersetzt bekam.
Die Frau in Weiß geht einerseits auf die Figur der Maria aus Fritz Langs „Metropolis“ zurück, andererseits (was die Körperflüssigkeiten betrifft) auf Ridley Scotts „Alien“. Zur enganliegenden Kleidung: Vor einigen Tagen habe ich die satirische Kurzgeschichte „Mort in Bed“ von Richard Lupoff gelesen (in seiner bei Fedogan & Bremer erschienen Werkschau „Before ... 12:01 ... and After“), deren Held dadurch in Bedrängnis kommt, daß seine Träume plötzlich für seine Frau sichtbar werden und diese mit dem imaginären Nachtleben ihres Mannes überhaupt nicht einverstanden ist. In diesen Träumen treten mehrere gutaussehende junge Frauen auf, deren Beschreibungen sich z.B. folgendermaßen lesen: „She was wearing a light white tee-shirt with no bra under it. She had on blue jeans that must have come out of a spray-can.“
Eine Buchhaltung, mit der ich mich dringend wieder einmal beschäftigen müßte, gibt es tatsächlich. Ich danke meinem Unterbewußtsein für die freundliche Ermahnung.
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