Somniatorium

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Konzert im Turm

2005-10-28

Ich nehme als Backstage-Gast an einem Konzert der deutschen Band Element of Crime teil. Die Veranstaltung findet nicht auf einer herkömmlichen Bühne statt, sondern die Musiker haben Aufstellung auf dem Balkon eines turmartigen Gebäudes genommen. Direkt zu ihren Füßen befindet sich ein künstlicher Teich von beträchtlicher Ausdehnung.

Vom Inneren des Turmes aus und für die Zuhörer unsichtbar erläutert der Bandleader Sven Regener das Eröffnungsstück. Es handelt sich um einen elegischen Instrumentalsatz für Blasinstrumente, der von einem seltsamen kratzenden Geräusch begleitet wird. Um die Ursache der Störung herauszufinden, trete ich hinaus auf den Balkon und sehe, daß die Musiker ihre Instrumente hinter roh gezimmerten hölzernen Attrappen versteckt halten. Beim Publikum soll der Eindruck erweckt werden, also ob auf diesen Attrappen gespielt würde. Die Instrumente und ihre hölzernen Stellvertreter sind kompliziert aufgebaute Maschinen aus unregelmäßig geformten Resonanzkörpern und einer Vielzahl von ineinander verschlungenen Röhren, doch ich erkenne, daß es sich dabei um Zink, Saxophon und Kontrabaß handelt. Das Kratzgeräusch rührt daher, daß der Bassist sein Schein-Instrument mit einer Säge anstatt eines Bogens bearbeitet.

Wie auf Kommando stoßen die Musiker die Attrappen von sich und bringen ihre wirklichen Instrumente zum Vorschein. Dabei ereignet sich eine offenbar nicht eingeplante Panne und eines der Bandmitglieder läßt das seinige in den Teich fallen. In gleichgültigem Tonfall erklärt er: »Mein Saxophon schwimmt davon.« Tatsächlich geht dieses trotz seines Gewichts nicht unter, sondern treibt langsam hinaus in die Mitte des Teiches. Einer seiner Kollegen stürzt sich ins Wasser und bringt es ans Ufer, womit der erste Teil des Konzerts beendet ist.

Wir stehen nun am Fuß des Turms und steigen über eine schmale, steile Treppe hinauf zur Bühne. Es gelingt uns aber nicht, unser Ziel zu erreichen, und kurze Zeit später befinden wir uns wieder auf dem Platz hinter dem Gebäude. Wir unternehmen einen zweiten Versuch und klettern diesmal an der Turmwand empor, steigen durch eine Maueröffnung ein und rutschen durch einen Schlauch aus glasfaserverstärktem Gewebe in die Tiefe – wieder landen wir auf dem Platz. Hier fällt mir eine gußeiserne Sitzbank auf, die soeben von zwei Polizisten mit massiven eisernen Bolzen im Asphalt des Gehsteiges verankert wird. Ich erinnere mich, vor kurzem eine solche Bank genau von dieser Stelle aus Spaß entfernt zu haben und begreife die Absicht der beiden Beamten, die neue Sitzgelegenheit durch eine besonders widerstandsfähige Befestigung vor ähnlichem Unfug zu schützen. Da sie die Bolzen aber nicht richtig festschrauben, gelingt es mir, diese mit einem Handgriff wieder zu lösen. Dabei erkenne ich, daß sich die Bolzen ideal als Kletterwerkzeuge eignen und mache mich erneut daran, die Turmwand zu besteigen.

Bald erreiche ich ein weiteres Loch in der Mauer, das nach der Art eines Postschlitzes mit einer Klappe verschlossen ist und die Aufschrift »Bitte keine Sammelüberweisungen einwerfen« trägt. Da mein Hintermann drängt, zwänge ich mich mit großer Mühe durch den engen Schlitz. Dahinter befindet sich ein senkrechter Schacht, in den ich ohne Zögern hineinspringe. Nach kurzem Fall lande ich auf weichem Untergrund in einer Waschküche und rufe den anderen zu: »Ihr könnt nachkommen!« Als erster folgt der Bandleader meiner Aufforderung und landet direkt neben mir sicher auf beiden Beinen. Zuerst wundere ich mich, daß er plötzlich ganz in Scharlachrot gekleidet ist, doch dann bemerke ich, daß es sich gar nicht um Sven Regener handelt, sondern um meinen Arbeitskollegen P.

Anmerkungen

Zumindest der zweite Teil dieses Traumes fällt in eine Phase des Halbschlafes vor dem Erwachen. Ich erinnere mich, zwischendurch kurz aufgeschreckt zu sein und die Wendung »Das Saxophon schwimmt davon« als gelungenen Reim empfunden zu haben. In diesem Zusammenhang fiel auch der nicht näher einordenbare Satz »Ich schätze es, wenn Schlagzeugcomputer unbeaufsichtigt vor sich hin laufen« – ein Gedanke, der sich auf den musikalischen Eindruck des Vorabends bezieht: das Album »Karma« von Delerium. Mit »Element of Crime« verbinde ich im Wachleben viel eher den Film von Lars von Trier als die gleichnamige Band.

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Biertransport mit Goofy

2005-10-11

Ich besuche die Sitzung eines Komitees für die Verleihung eines nationalsozialistischen Literaturpreises. Im Raum sind mehrere Reihen von Tischen aufgestellt, an denen Männer in SS-Uniformen sowie einige nervös und geduckt aussehende Literatinnen und Literaten Platz genommen haben. Ein Offizier und eine junge Frau in der hintersten Reihe unterhalten sich flüsternd über die Asphaltliteratur eines namentlich nicht genannten Schriftstellers. In der ersten Reihe sitzt ein SS-Mann mit einem großen schwarzen Telefon vor sich auf dem Tisch und zwei weiteren auf dem Boden. Er verkündet: »Ihren Anspruch auf den Preis verwirkt hat wegen ihrer Flucht in die jüdisch-kapitalistische Schweiz...« Da eines seiner Telefone zu läuten beginnt, kommt er nicht mehr dazu, den Namen der betreffenden Person auszusprechen, doch ich weiß, daß er die regimekritische Dichterin Käthe Kruse meint.

In eine der Wände des Raumes sind Kojen eingelassen, in denen drei Männer in Rokokokleidung sitzen und über das Werk eines französischen Autors diskutieren. Sie haben keinen Sichtkontakt zueinander, sondern müssen das Buch durch kleine Öffnungen in den Zwischenwänden weiterreichen. Ich wundere mich, daß ein Franzose überhaupt zur Teilnahme bei einem nationalsozialistischen Literaturwettbewerb zugelassen ist, doch den Äußerungen der Juroren entnehme ich, daß er ohnehin keine Chance auf den Preis hat.

Ich verlasse die Sitzung und komme auf einen Parkplatz, wo mir ein LKW-Fahrer, der soeben im Begriff ist, den zu Beruf wechseln, sein Fahrzeug als Geschenk überläßt. Unverzüglich steige ich ein und begutachte meinen neuen Besitz, der noch in durchaus verkehrstüchtigem Zustand zu sein scheint. Neben mir sitzt Goofy und begrüßt mich mit freundlichem Kopfnicken. Obwohl wir beide keinen Führerschein besitzen, fahre ich los.

Vor der ersten Kurve stelle ich fest, daß das Lenkrad unter dem Armaturenbrett angebracht und nur unter unbequemen Verrenkungen zu erreichen ist. Mit den zahlreichen Schaltern und Knöpfen, die rings um mich angeordnet sind, kann ich überhaupt nichts anfangen. Dennoch gelingt es mir, den LKW einigermaßen sicher auf der Straße zu halten. Durch die Windschutzscheibe sehe ich mich selbst vor mir herfahren und kann so meine Fahrfehler gut mitverfolgen. An einer Kreuzung verliere ich den Anschluß und versuche daraufhin, mich wieder einzuholen, doch je mehr Gas ich gebe, desto größer wird der Abstand, was mir in diesem Moment als vollkommen logisch erscheint.

Als ich mich endgültig aus den Augen verloren habe, biege ich auf den Parkplatz eines Supermarktes ein. Hier steht schon mein LKW und mehrere Männer sind damit beschäftigt, das Fahrzeug zu entladen. Der Filialleiter telefoniert gerade mit seinem Vorgesetzten und informiert diesen darüber, daß er soeben eine Ladung erstklassiger Ware zu einem unschlagbar günstigen Preis hereinbekommen hat. Es handelt sich hauptsächlich um große Ballen mit schmutziger Wäsche, doch auch etliche Kartons mit Bierdosen der Marke Heineken befinden sich darunter. Der Filialleiter kostet und stellt fest: »Gutes Pils!« Begeistert will er auch mir eine Dose aufdrängen und mich zum Trinken nötigen, aber ich lehne kategorisch ab.

Unterdessen ist in der Lagerhalle des Supermarktes eine regelrechte Saalschlacht ausgebrochen. Ein etwa zwei Meter fünfzig großes menschliches Skelett versucht, mich mit einem Kopfstoß außer Gefecht zu setzen, doch es gelingt mir, auszuweichen und die Wucht des Angriffs gegen eine Mauer zu lenken. Das Skelett zerfällt in seine Bestandteile und die Knochen schlichten sich selbsttätig zu einem wohlgeordneten Stapel. Zwei Elche rasen auf Gabelstaplern durch die Halle und überfahren alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Ich werfe mit Kunststoffsesseln um mich und blockiere damit die Fahrt der beiden. Dann lasse ich das Getümmel hinter mir und flüchte hinaus auf den Parkplatz, wo Goofy schon auf mich wartet.

Anmerkungen

Ob die Puppenmacherin Käthe Kruse tatsächlich als Schriftstellerin tätig war und welche Haltung sie gegenüber dem nationalsozialistischen Regime eingenommen hat, weiß ich nicht. Jedenfalls ist sie aber die Mutter von Max Kruse, dessen »Urmel aus dem Eis« ich als Kind mit großer Begeisterung gelesen habe.

Die Spaltung des Traum-Ichs in zwei selbständig handelnde Personen, von denen eine die andere beobachtet und zu beeinflussen versucht, kommt bei mir immer wieder vor und wurde hier bereits auch dokumentiert (vgl. »Flucht aus den Bergen«, 2005-06-03).

Keiner besonderen Erwähnung bedarf wohl die Tatsache, daß Goofy in der Realität sehr wohl einen Führerschein besitzt.

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