Somniatorium

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Angriff auf Neukölln

2005-09-22

Mein Name ist Haydn. Ich bin ein österreichischer General aus der Zeit der napoleonischen Kriege, den es ins 21. Jahrhundert verschlagen hat. Ich stehe am Abhang eines grasbewachsenen Hügels neben dem Eingang zu einem Eisenbahntunnel, der eigentlich eine gigantische Kanone ist. Vier solcher Röhren führen in westlicher Richtung hinauf auf den Kamm des Hügels; ihr Zweck ist es, die dahinter gelegene Stadt Neukölln sowie das etwas weiter entfernte Paris unter Beschuß zu nehmen. Die Kanonen wurden seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, aber das soll sich jetzt ändern.

Durch das Drücken eines roten Knopfes feuere ich die erste Salve auf Neukölln ab, doch wegen des Fehlens einer Zielvorrichtung verliert sich der Schuß in der Weite der Landschaft. Um die Flugbahn der Geschosse zu korrigieren, verschiebe ich die Mündungen der beweglich ausgeführten Tunnelröhren etwas nach Süden, und tatsächlich sehe ich beim dritten oder vierten Versuch den Feuerball einer gewaltigen Explosion hinter dem Hügel aufsteigen. Offenbar ist es mir gelungen, ein bedeutendes Ziel zu treffen.

Am Himmel erscheint im Tiefflug ein Aufklärungsflugzeug, vor dessen Bordbewaffnung ich mich fürchte und daher in den Tunnel flüchte. Hier finde ich zwei Dampflokomotiven, die bereits angeheizt sind und auf ihren Einsatz warten. Aus ihren Rauchfängen dringt schwarzer Qualm. Am Bahnsteig fährt ein mit Militärpersonal besetzter Zug ein, den man geschickt hat, um den Angriff auf die Stadt zu stoppen. Die Soldaten – es sind allesamt junge Männer und Frauen ohne jegliche Erfahrung – strömen auf den Perron und sehen sich nach dem Feind um. Damit kein Verdacht auf mich fällt, mische ich mich zwanglos unter die Suchenden und besteige dann wie ein gewöhnlicher Fahrgast den Zug, der sich alsbald wieder in Bewegung setzt und zurück nach Neukölln fährt. Vom Fenster aus sehe ich an einem Flußufer die rauchenden Ruinen einer Industrieanlage – offenbar die Folge meiner Attacke, die in der Stadt große Bestürzung ausgelöst hat.

Ich sitze jetzt zusammen mit einigen Kameraden in einem Jeep, von dem aus wir das Stadtzentrum erkunden. Unser Ziel in diesem Krieg ist die Eroberung des Schlosses der Gräfin von Treptow. Niemand tritt auf, um sich uns entgegenzustellen, und so fahren wir durch die in Weiß und Gold ausgestatteten Prunkräume des Schlosses, ohne dabei auf die Teppiche oder das Mobiliar Rücksicht zu nehmen. Verschlossene Türen sprengen wir einfach mit der Stoßstange unseres Geländefahrzeuges auf. Auf dem Überrollbügel ist ein kleines Katapult angebracht, das zum Werfen von Granaten dient; um es auf seine Funktionsfähigkeit zu testen, lade ich es mit einem Stück Weichkäse und sehe befriedigt zu, wie dieser wie ein Stück Kaugummi an der Wand kleben bleibt.

Nach längerer Fahrt gelangen wir in das Zimmer des Sohnes der Gräfin. Der junge Treptow ist ein etwa sechsjähriger Knabe, dessen liebste Beschäftigung das Soldatenspiel ist. Sein Kindermädchen ist gerade im Begriff, ihn ins Bett zu bringen und salutiert ihm dabei in spielerischer Manier zu; reflexartig grüße ich zurück, doch ich und meine Mannschaft sind unsichtbar für die Frau. Dennoch kann sie unsere Anwesenheit spüren, denn immer, wenn einer von uns in ihre Nähe kommt, tritt sie unwillkürlich einen Schritt zurück.

Da es uns im Kinderzimmer gefällt, beschließen meine Kameraden und ich, hier unser Lager aufzuschlagen. Zwischen allerlei Spielsachen und zum Trocknen aufgehängter Wäsche richten wir uns häuslich ein und bereiten uns auf die Nacht vor. Vor den Fenstern des Schlosses ist es bereits dunkel geworden.

Anmerkungen

Zu diesem Traum kann ich nur sagen, daß in ihm die deutschen Bundestagswahlen vom letzten Wochenende verarbeitet werden. In einer Auflistung der Detailergebnisse für die Hauptstadt Berlin habe ich unter anderem die Zahlen für die Ortsteile Neukölln und Treptow gelesen.

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Schlumpftheater

2005-09-14

Ich besuche einen Abendkurs im Fach »Politische Bildung« und diskutiere mit einem Kurskollegen über das Werk des französischen Comickünstlers Pierre Culliford. Was uns besonders interessiert, ist die parallele Verarbeitung von Motiven in den verschiedenen von ihm gestalteten Serien. Wir kommen auf die Gerichtssaalszenen in den Schlumpf-Comics zu sprechen, bei denen die Protagonisten schwarze Umhänge und Gesichtsmasken zur Verschleierung ihrer Identität tragen. Zufällig ist dies genau die Ausstaffierung, in der sich auch mein Gegenüber im Moment präsentiert.

Der Kursleiter tritt ein und trägt uns auf, uns in Zweiergruppen zusammenzufinden und auf der Basis der Schlumpf-Comics eine theatralische Performance zu erarbeiten. Ziel ist es, in einem dialektischen Prozeß unter Verschmelzung der Lieblingsmotive der beiden Partner etwas Neues zu schaffen. Spontan wähle ich die Szenen im Gericht als Material, doch zu meiner Bestürzung muß ich feststellen, daß sich auch ein anderer Kursteilnehmer dafür entschieden hat und sie daher bereits vergeben sind. Da mir nichts anderes einfällt, wende ich mich in der Hoffnung auf Unterstützung an meinen Partner, aber dieser ist nur an sich selbst interessiert und gibt mir zu verstehen, daß er meinen Beitrag gar nicht haben möchte: »Du brauchst keine eigene Szene einzubringen, meine reicht für uns beide. Es genügt völlig, wenn du dich damit identifizierst und mitspielst.« Ich weiß aber gar nicht, wovon er eigentlich redet und bestehe auf einem eigenen Beitrag, woraufhin er mich von der Mitarbeit völlig ausschließt. Ich gerate in unbändige Wut und beschimpfe ihn lautstark als »miese Sau«, was er ohne jede Regung zur Kenntnis nimmt.

Zornig beschließe ich, mich von der Kursteilnahme zurückzuziehen und die Aufführung meines Partners durch einen Sabotageakt zu ruinieren. Auf einem Tisch entdecke ich das Comicheft, dessen Inhalt die Quelle seiner Inspiration darstellt. Kurzerhand nehme ich es an mich und verstecke es in einem Nebenraum, wobei ich aber doch ein schlechtes Gewissen verspüre und darauf achte, daß es nicht endgültig verloren geht.

Auf dem Gang begegnen mir einige Schlümpfe und werfen mir vorwurfsvolle Blicke zu. Sie sind ca. einen Meter fünfzig groß und es gibt Dicke und Dünne unter ihnen. Besonders einer fällt mir durch seine breiten Hüften auf. Sie haben keine Hosen an, sondern tragen zusammengefaltete Handtücher über dem Arm, als ob sie gerade aus dem Badezimmer kämen. Man kann sehen, daß sie kleine blaue Penisse haben.

Später treffe ich meinen Partner wieder und er erzählt mir stolz, daß er mit seiner Performance einen Preis gewonnen hat. Das Stück ist als literarisches Juwel eingestuft worden und für eine Veröffentlichung vorgesehen. Ein Wermutstropfen aus seiner Sicht ist allerdings, daß er den ersten Platz nur deswegen erreichen konnte, weil eine Frau den ihr zugedachten Preis nicht angenommen und ihr Werk zurückgezogen hat.

Anmerkungen

Den Namen Pierre Cullifords habe ich nachträglich bei der Niederschrift dieses Traumes eingesetzt. Im Traum lautete er anders, doch konnte ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern. Auch das zum Schlumpfgericht parallele Motiv wurde explizit erwähnt und ist ebenso dem Vergessen anheim gefallen.

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