Somniatorium

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Abendspaziergang mit Tabby

2005-07-29

An einem lauen Sommerabend bin ich bei meinen Eltern zu Gast und unternehme einen Spaziergang mit Polar Bear Tabby. Tabby sieht aus wie ein freundlicher großer Hund mit weizenfarbenem Fell, doch in Wirklichkeit ist er ein Löwe, der nur deshalb in Hundegestalt auftritt, weil er sich seiner wahren Natur nicht bewußt ist. Von entscheidender Bedeutung für die Aufrechterhaltung dieser Selbsttäuschung ist sein Name: Riefe man ihn nicht stets nur »Polar Bear Tabby«, sondern z.B. »Simba« oder »Clarence«, so würde er sich an sein eigentliches Ich erinnern und in ein gefährliches Raubtier verwandeln.

Ich komme am Grundstück von Herrn D. vorbei und treffe auf Frau J.R. und ihr Kind, die sich aus Angst vor Tabby auf den Betonsockel des Gartenzauns geflüchtet haben. Neugierig beschnüffelt dieser die Zehen der beiden, doch da ich ihn sanft zwischen den Ohren kraule und ihm beschwichtigend seinen Namen zuraune, geht keinerlei Gefahr von dem Tier aus.

Auf dem Parkplatz vis-à-vis steht neben dem Auto meines Vaters ein ausrangierter Moog-Synthesizer, dessen Module sich trotz ihres Standorts unter freiem Himmel offenbar in einem sehr guten Erhaltungszustand befinden. Durch den Witterungseinfluß bedingt sind die Stecker an den Patchkabeln leicht korrodiert, was dem positiven Gesamteindruck aber keinen Abbruch tut. Gerne würde ich das Gerät auf seine Funktionstauglichkeit überprüfen, doch da es hier heraußen keinen elektrischen Strom gibt, kann ich es leider nicht in Betrieb nehmen.

Anmerkungen

Eisbär, Hund und Weizenfarbe entstammen dem Blog-Imperium der woelfin; der modulare Moog wurde durch den Konsum des Tangerine Dream-Albums »Sorcerer« inspiriert, wo er im Beiheft als Teil des Instrumentariums von Christoph Franke aufgeführt wird. In seiner Tangerine Dream-Biographie »Digital Gothic« zitiert Paul Stump, was Klaus Schulze zu diesem Thema zu sagen hat: »You got that phase in the 1970s when everyone started listing their equipment on album sleeves. Tangerine Dream did it because everyone else did and, I guess, because they had more equipment than everyone else and felt as though it was de rigueur to say so.«

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Ein Nachmittag im Kunstmuseum

2005-07-22

Ich besuche ein Kunstmuseum und stehe vor einem Schalter, wo man seine Wertsachen zur Aufbewahrung geben kann. Eine Bestandsaufnahme des Inhalts meiner Geldbörse ergibt, daß ich 77 Schilling bei mir trage; 75 davon gebe ich der Dame hinter dem Schalter, zwei Schillingmünzen behalte ich. Auf meine Frage, ob es nicht praktischer wäre, das Geld zusammen mit der Börse zu deponieren, erläutert mir die Frau, daß sie nur befugt ist, Wertgegenstände im engeren Sinn entgegenzunehmen, nicht aber deren Behältnisse.

Da mir jetzt auffällt, daß ich völlig nackt bin, hülle ich mich in ein großes Stück Vorhangstoff und lasse mich derart bekleidet in einem Rollstuhl nieder. Ich fahre an einer Ausstellung zum Thema »Konsumgeschichte« vorbei und gelange zu einer Sperre, die den Zugang zu einem mit grobem Schotter belegten Weg blockiert. Die Aufpasserin neben dem Drehkreuz will meine Eintrittskarte sehen und erkundigt sich, ob ich als Rollstuhlfahrer nicht eine Begleitperson brauche, die mir beim Überwinden von Hindernissen behilflich ist. Ich erkläre ihr, daß ich nur aus Spleen im Rollstuhl sitze und keineswegs auf dieses Hilfsmittel angewiesen bin: »Ich habe nie behauptet, daß ich körperbehindert bin!« Zum Beweis drehe ich vor ihren Augen ein paar Runden und fahre demonstrativ mit Schwung über den Randstein, worauf sie mich passieren läßt.

Das Fortkommen auf dem Schotterweg erweist sich als schwierig, da sich die Räder des Rollstuhls immer wieder zwischen den Steinen eingraben. Am Abhang einer Böschung gewahre ich ein etwa zwei- bis dreijähriges Mädchen, das gerade seine Notdurft verrichtet. Ich verlasse mein Fahrzeug und klettere zu dem Kind hinunter, um mich mit ihm zu unterhalten. Sein Name ist Phantom Tollbooth und sein Kot besteht aus reinem Silber. Hinter einem hohen Zaun aus Maschendraht hält sich seine Familie auf und mustert mich mit argwöhnischen Blicken; augenscheinlich verdächtigen mich die Leute als Kinderschänder.

Anmerkungen

Aktueller Tageseindruck: Ich habe einen Bericht über die Vorstellungen und Ziele von Behinderten gelesen, die ihr Leben im Rollstuhl verbringen. Eigentlich berührt mich das Thema im Wachleben kaum, doch reicht es offenbar aus, um als Traumstoff Verwendung zu finden.

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Feuer am Dach

2005-07-17

Ich werde von einem kleinen Kind mit der Bitte um Hilfe zu einem brennenden Haus gerufen. Das leerstehende Gebäude gehört einer reichen alten Dame, die sich aber nur selten darin aufhält. Alle Fenster sind erleuchtet und die Straße wird von einem flackernden Schein erhellt, woraus ich schließe, daß das Feuer bereits weit um sich gegriffen hat. Doch als ich das Haus betrete, erkenne ich, daß das Flackern von zahlreichen Kerzen herrührt, die in allen Räumen aufgestellt sind; obwohl deutlicher Brandgeruch zu verspüren ist, kann ich den eigentlichen Brandherd nirgends ausmachen.

Da ich keinen Wasseranschluß finde, hole ich aus der Küche einen Kübel und gehe damit hinunter zum Bach, der das abschüssige Gartengrundstück hinter dem Haus zur Straße hin begrenzt. Das Bachbett ist aus Stein gemauert und das Wasser ergießt sich über eine Kaskade aus mehreren Stufen, was das Befüllen des Kübels sehr erleichtert. Der Weg zurück durch den steilen Garten fällt mir einigermaßen schwer, doch schließlich erreiche das Haus und suche systematisch Zimmer um Zimmer nach dem Brandherd ab. Die Räume sind spärlich möbliert, dafür gibt es überall üppig wuchernde Zimmerpflanzen, an deren Ästen brennende Teelichter befestigt sind. An einigen Stellen haben sich kleine lokale Feuer entwickelt, die sich jedoch mühelos ausblasen lassen. Bei näherem Hinsehen entdecke ich zwischen den Kerzen mehrere zum Teil eng ans Holz geschmiegte Glühbirnen, die ich ebenfalls als potentielle Brandursache einstufe und mit einer eisernen Stange zerschlage. In einem der Zimmer hängt an einem langen Kabel ein altmodischer elektrischer Beleuchtungskörper von der Decke. Ich umschlinge ihn wie Zorro mit der Peitsche mit einem Stück Schnur und reiße ihn durch den Einsatz meines Körpergewichts herunter.

Über eine schmale Treppe gelange ich auf einen mit weißer Farbe ausgemalten Dachboden, wo ich endlich einen Brandherd größeren Ausmaßes entdecke. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Kleiderschrank, aus dem eine Feuersäule nach oben zu den Dachbalken steigt. Hier ist Eile geboten, denn wenn das Dachgebälk erst einmal Feuer gefangen hat, ist das Haus verloren. Einige herumliegende Bretter lösche ich mit Wasser aus meinem Kübel, was leider auch zur Folge hat, daß die saubere weiße Wand durch schlammige Spritzer verunreinigt wird.

Noch einmal mache ich mich auf den Weg zum Bach, wobei ich einen zweiten Kübel mitnehme, um meine Transportkapazität zu erhöhen. Unterwegs bemerke ich, daß dieser an der Seite ein großes Loch hat und daher nicht zu verwenden ist; doch schwerer wiegt, daß der Bach nahezu völlig versiegt ist und ich den intakten Kübel nur mit viel Geduld wenigstens zur Hälfte füllen kann. Auf dem Weg zurück zum Haus werden meine Beine schwerer und schwerer, sodaß ich sie auf dem letzten Stück des Anstieges kaum noch bewegen kann. Im Geist höre ich die Stimme des Kindes, das mir immer wieder zuruft: »Beeile dich! Beeile dich!« Unter Aufbietung meiner gesamten Willenskraft schaffe ich es doch noch zurück ins Haus – um zu meinem Ärger zu entdecken, daß es in der Küche ein Waschbecken mit Fließwasser gibt, das ich zuvor offenbar übersehen habe.

Als ich mit meinem jetzt randvollen Kübel auf den Dachboden steige, ist der brennende Schrank verschwunden und alle Spuren des Feuers haben sich verflüchtigt. Stattdessen entdecke ich in der Wand eine Tür, die zu dem angrenzenden Atelier eines berühmten Künstlers führt; zur Zeit ist er damit beschäftigt, im Auftrag der alten Dame ein großes Werk zu schaffen. In diesem Augenblick wird mir klar: Die Feuersbrunst tobt hinter dieser Tür! Ich packe meinen Kübel und will hinüber, um zu retten, was zu retten ist, doch die Tür läßt sich nicht öffnen.

In einer Vision sehe ich das Atelier vor mir: Es ist eine weite, von Marmorsäulen getragene Halle, in deren Mitte ein Zyklus von großformatigen Gemälden auf einem Gerüst aus Metallstangen ausgestellt ist. Die mit Ölfarbe bedeckten Leinwände fangen Feuer und in wenigen Sekunden verwandelt sich das Polyptychon in eine lodernde Flammenwand. Daneben steht mit ausgebreiteten Armen die Auftraggeberin. Sie wartet, bis die Intensität des Brandes ihren Höhepunkt erreicht hat und stürzt sich dann in das Inferno.

Anmerkungen

Das häufig beschriebene Traumerlebnis der motorischen Hemmung tritt hier in der Szene mit dem Wasserkübel sehr ausgeprägt auf. Ansonsten habe ich zu den Trauminhalten keine Assoziationen.

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Ins Zentrum gelangt man immer

2005-07-16

Ich bin zu Gast bei fremden Leuten in einem wenig vertrauten Teil der Stadt und warte auf eine Schülerin, mit der ich einen Termin für eine Nachhilfestunde vereinbart habe. Um mir die Zeit zu vertreiben, stöbere ich in einer Kiste mit Abverkaufs-CDs, die von einem Händler zu Sonderpreisen angeboten werden. Zu meiner großen Freude entdecke ich einige seltene Aufnahmen von elektronischer Musik, die kürzlich im Archiv einer Plattenfirma aufgefunden und auf den Markt gebracht wurden. Als ich eine der CDs zum Probehören aus der Hülle nehme, bemerke ich, daß ihr Inhalt nicht zu der Beschreibung in dem Beiheft paßt; statt der erhofften elektronischen Raritäten enthält sie einige bisher unveröffentlichte Titel der durch ihre populären Hits bekanntgewordenen Gruppe »Man«. Eine andere CD, deren Hülle mein Interesse weckt, ist ebenfalls falsch eingeordnet und präsentiert Kinderlieder.

In diesem Moment läutet C.s Mobiltelefon, wodurch mir überhaupt erst bewußt wird, daß auch sie hier anwesend ist. Der Anruf ist für mich: Es ist meine Nachhilfeschülerin, die sich verirrt hat und nun nach dem Weg fragt. Das Telefon hat die unhandliche Form eines Tee-Ei-Löffels und die Sprachverständlichkeit ist sehr schlecht, weshalb ich das Mädchen immer wieder auffordern muß, sich zu wiederholen. Parallel zu dem Gespräch sehe ich sie aus einer externen Perspektive mit ihrem Auto auf freiem Feld neben einer Haltestelle der Straßenbahnlinie 25 stehen, was es mir ermöglicht, ihren Aufenthaltsort zu bestimmen. Ich weise sie an, einfach der Straßenbahnlinie bis zur Endstation zu folgen, wo wir uns in einer Viertelstunde treffen werden.

Unverzüglich mache ich mich auf den Weg, denn obwohl die Züge der Straßenbahnlinie 25 auch vor der Haustür meiner Gastgeber halten, ist es von hier bis zur Endstation ein ganzes Stück. Als ich die Haltestelle erreiche, erkenne ich zu meiner Bestürzung, daß dieser Abschnitt der Linie offenbar stillgelegt ist; die Schienen enden schon an der nächsten Kreuzung und verschwinden unter dem Asphalt der Straßendecke. In einiger Entfernung sehe ich einen Autobus, dessen Fahrer gerade den Motor anläßt. Ohne lange zu zögern laufe ich hin und steige ein, und noch bevor ich Gelegenheit habe, mich nach dem Ziel zu erkundigen, geht die Fahrt schon los.

Neben mir steht wie versteinert ein Mann mit olivgrünem Gesicht, das von dicken schwarzen Krusten übersät ist. Auf meine Frage, ob dieser Bus ins Zentrum fährt, reagiert er nur mit starrem Blick. Ein dicker Herr in fleckigem T-Shirt hingegen erklärt mir in jovialem Tonfall, daß wir das Zentrum früher oder später sicher erreichen werden – aber nur auf einem bedeutenden Umweg, was eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen kann: »Ins Zentrum gelangt man immer. Aber wie lange es dauern wird, kann keiner sagen.«

Anmerkungen

Dieser Traum verwechselt offenbar die eher um ein anspruchsvolles Image bemühte Band »Man« mit den Hitlieferanten »Brotherhood of Man«, die 1976 mit »Save your kisses for me« den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewannen. Das Bindeglied zum Alltag bildet jedenfalls der musikalische Archivfund: Tatsächlich habe ich an meiner Arbeitsstätte einige Tonbänder aus der Zeit um 1960 gefunden, die zumeist Mitschnitte von Radiosendungen zu wissenschaftlichen Themen enthalten. Auf einem der Bänder ist unter anderem ein nicht näher identifizierbares Stück elektronischer Musik aufgezeichnet, das so avantgardistisch klingt, daß ich die richtige Geschwindigkeit für die Wiedergabe nur anhand gesprochener Texte auf dem gleichen Band ermitteln konnte. Wenn man das Stück mit doppelter Geschwindigkeit abspielt, erinnert es an Karlheinz Stockhausens »Gesang der Jünglinge im Feuerofen«.

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Fang das Glück

2005-07-06

Ich blicke aus der Vogelperspektive auf einen Tanzsaal, in dem eine Gruppe von Menschen lustig herumspringenden, bunten Wasserbällen nachjagt. Die Bälle haben keinen konstanten Durchmesser, sondern sind in beständigem Wachstum begriffen. Aus dem Off erläutert die Stimme eines gewissen Prof. Weltenbaeker, daß es sich in Wirklichkeit um schwarze Löcher handelt; großes Glück wird dem zuteil, der eines von ihnen erhaschen kann, bevor es sich in nichts auflöst. Doch die Bälle lassen sich nicht einfangen und zerplatzen einer nach dem anderen, sodaß am Ende alle mit leeren Händen dastehen. Ein einziges der schwarzen Löcher bleibt über und wächst über jedes Maß hinaus, bis es so groß ist, daß es den Saal komplett ausfüllt und sämtliche Anwesenden zur Tür hinaus drängt.

Anmerkungen

Es ist fast schon peinlich, wie vordergründig sich die Symbolik dieses Traums (wenn man sie denn als solche auffassen möchte) darstellt. Der Inhalt geht offenbar auf ein Buch mit dem Titel »Modeling Black Hole Evaporation« zurück, das mir am Vortag in der Auslage einer Fachbuchhandlung aufgefallen ist.

Gelungen finde ich vor allem den Namen »Prof. Weltenbaeker« – geradezu ideal für jemanden, der die inneren Zusammenhänge des Universums verstehen (und vielleicht sogar beeinflussen) kann.

Ein alternativer und in seiner freudianischen Mehrdeutigkeit ebenfalls reizvoller Titel für diesen Traum wäre übrigens »Das Glück ist ein schwarzes Loch« gewesen.

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